A Blast From The Past

Heimsuchung

Ich stand nun schon eine ganze Weile vor dieser Tür. Sie war aus Holz, alt und abgenutzt. Der Lack war an manchen Stellen bereits abgeplatzt. Eigentlich war es eine ziemlich kleine Tür, für all die Erinnerungen, die sie hinter sich verbargen.

Ich holte tief Luft, inhalierte den Duft von Meersalz und umfasste den Türknauf entschlossen. Ich war mir nicht sicher, ob das unangenehme Kribbeln in meinen Fingerspitzen von der Kälte des Griffs kam, oder daher, dass ich so lange nicht mehr hier gewesen war. Mit etwas Nachdruck öffnete sich die Tür geräuschvoll und gab den Blick frei auf das, was einst mein Zuhause gewesen war.

Ich zögerte einzutreten. Allein der Gedanke an den Geruch des Hauses – an seinen Geruch – ließ mein Herz schneller schlagen. Es war so lange her und doch fühlte es sich wie gestern an, als ich bei Nacht und Nebel alles hinter mir gelassen hatte.

 

Beim Eintreten empfing mich ein Aroma aus Tabak, Whisky und abgestandener Luft. Augenblicklich beschleunigte mein Puls noch mehr und meine Hände wurden feucht. Mein Blick wanderte unruhig den Gang entlang und fixierte jede Tür. Ich nahm auch die Treppe nach oben ins Visier, gleich so, als könnte er jeden Moment in mein Blickfeld stolpern. Aber das tat er nicht. Nie mehr. Trotzdem fühlte ich mich, wie ein in die Enge getriebenes Tier, das bei der kleinsten Regung zubeißen würde.

Entschlossen gab ich der Haustür einen kräftigen Tritt, sodass sie mit einem lauten Knall zuflog. Nachdem das Echo verebbt war, blieb nichts als erdrückende Stille zurück.

Ich verharrte einen Moment und sammelte meine Kräfte, bevor ich mich weiter vor wagte.

Dann lief ich langsam den Korridor ein paar Schritte entlang und blieb neben dem ovalen Spiegel mit dem aufwendig verzierten goldenen Rahmen stehen. Darunter die antike Anrichte aus dunklem Holz. Der Spiegel hatte noch immer den großen Riss in der Mitte. Wie ein Blitz in einer pechschwarzen Nacht.

Erinnerungen flammten auf.

Wie ich weinend vor genau diesem Spiegel stand, in einem blauen Kleid, die blonden Locken offen über meine Schultern fallend. Ein lauter Knall, gefolgt von dem feinen Klang von Glassplittern, die auf Parkett rieseln. Am Anfang der Treppe mein Vater, seinen Arm noch in der Luft, nachdem er den Kerzenhalter nach mir geworfen hatte. Ausnahmsweise war ich froh gewesen, dass er an diesem Abend bereits getrunken und mich somit knapp verfehlt hatte.

Sachte hob ich meine Hand, um den Sprung im Glas zu berühren, und hielt kurz vorher inne. Stattdessen ließ ich meine Finger auf die Anrichte sinken, wo sie einsame Spuren im Staub hinterließen.

Einen Schritt nach dem Anderen machend, arbeitete ich mich weiter ins Innere des Hauses vor. Vorbei an leeren Wänden, an denen nur noch verwaiste Nägel und helle Rechtecke an die Bilder erinnerten, die dort einst hingen.

 

Die erste Tür zu meiner Linken führte ins Wohnzimmer. Ein Raum, der diesen Namen kaum verdiente. Noch im Türrahmen stehend, lugte ich vorsichtig hinein und konnte die Präsenz meines Vaters deutlich spüren. Als wäre er noch immer hier.

Das Wohnzimmer bestach durch die großen Fenster an den Seiten und den Kamin, dessen Marmor einst schneeweiß gewesen war. In meiner Erinnerung hing darüber ein großes Gemälde, dessen Motiv mir nicht einfallen wollte. Eine Landschaft vielleicht? Auch dieses war fort. Links in der Ecke stand der Sessel, in dem mein Vater immer Ferngesehen hatte. Was von ihm übrig war, glich einem Wrack. Teile des Bezugs waren abgerissen, das Innenfutter quoll aus den Armlehnen und der Sitzfläche heraus und er hatte Flecken, von denen nur Gott selbst wusste, was sie waren. Wie ich dieses verdammte Stück hasste!

Meine Hände ballten sich zu Fäusten und in Gedanken zündete ich das verkommene Ding an, brannte gleich das ganze Haus mit nieder und sah genugtuend dabei zu, bis nichts mehr davon übrig blieb als tote Asche.

Der Geruch von Bier, Urin und altem Schweiß entfaltete sich langsam in meiner Nase und schob mich unsanft zurück in den Flur.

Die Lider fest aufeinander gepresst und mit einer Hand über meinem Mund, versuchte ich die aufkommenden Bilder meines Vaters zu unterdrücken. Wie er in dem Sessel gesessen hatte. Manchmal tagelang. Ohnmächtig, eingenässt und besudelt mit Erbrochenem. Ich konnte mich noch immer an das Gefühl erinnern, wenn ich ihn hatte aufwecken müssen, gepaart mit der unbändigen Angst davor, was passieren würde, wenn er erwachte. Oder nicht erwachte.

Unweigerlich öffnete ich meine Augen wieder, ließ meinen Blick die Treppe hinauf huschen und für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich, dass ich dort hinauf gehen würde. Einen Fuß hatte ich bereits auf die unterste Stufe gesetzt, meine Hand das Geländer fest umklammernd.

Doch dann besann ich mich eines besseren und wendete mich abrupt ab. Mit entschiedenen Schritten lief ich zurück auf die Haustür zu, rannte förmlich. Ohne zu zögern riss ich sie auf und stürzte hinaus. Das salzige Bukett der See empfing mich wie eine sanfte Umarmung und ich erlaubte es mir, sie einen Moment lang zu erwidern, die dunklen Erinnerungen abzuschütteln und hier zu lassen, wo sie hingehörten.

„Reißen Sie es ab!“, rief ich dem großen, bulligen Mann mit dem gelben Helm zu.

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