{"id":80,"date":"2020-03-20T15:15:29","date_gmt":"2020-03-20T15:15:29","guid":{"rendered":"http:\/\/story-board.de\/?p=80"},"modified":"2020-03-20T16:28:45","modified_gmt":"2020-03-20T16:28:45","slug":"jane-doe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/story-board.de\/?p=80","title":{"rendered":"Jane Doe"},"content":{"rendered":"\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"aligncenter size-medium\"><img loading=\"lazy\" width=\"300\" height=\"200\" class=\"wp-image-82\" src=\"http:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Jane-Doe-4-300x200.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Jane-Doe-4-300x200.jpg 300w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Jane-Doe-4-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Jane-Doe-4-768x512.jpg 768w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Jane-Doe-4-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Jane-Doe-4-1140x760.jpg 1140w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Jane-Doe-4.jpg 1913w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich sa\u00df nun schon seit knapp zwei Stunden an diesem Schreibtisch. An diesem Schreibtisch direkt vor dem Fenster. Dem Fenster mit dem Ausblick ins Gr\u00fcne. Dichte, sattgr\u00fcne Nadelb\u00e4ume, soweit das Auge aus diesem Winkel sehen konnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Vor mir ein Wust aus Papieren, gepaart mit einer Tasse Kaffee, der bereits kalt war, einem \u00fcberf\u00fcllten Aschenbecher, in dem eine weitere Zigarette vor sich hin qualmte und einem Kugelschreiber, den ich so fest zwischen meinen Fingern hielt, dass meine Kn\u00f6chel schmerzten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich starrte auf das Foto auf der Fensterbank, w\u00e4hrend ein stumpfes Pochen in meinem Kopf an Kraft gewann. Die Frau auf dem Foto, mit den langen kupferfarbenen Haaren und der grauen Strickm\u00fctze, sah dem Mann, der einen Arm locker um ihre Schultern gelegt hatte, an, als g\u00e4be es nur die beiden. Sonst niemanden. Er war ein gutaussehender Mann. Dunkelbraunes, leicht gelocktes Haar. Einen charismatischen Dreitagebart und den Blick verschmitzt auf ihre Lippen gerichtet. Sie liebten sich. Das war ganz eindeutig. Und sie wussten um die Liebe des jeweils anderen, vertrauten darauf ohne Zweifel. Auch das konnte man sehen, ja beinahe sp\u00fcren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der zunehmende Schmerz in meinem Kopf holte mich in die Realit\u00e4t zur\u00fcck. In die Realit\u00e4t, in der ich die Frau auf diesem Foto war. Elisabeth Maiden. Zusammen mit meinem Ehemann. Eric Maiden. Eric Maiden, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Einem Unfall, den ich \u00fcberlebt und daf\u00fcr mit meinem Ged\u00e4chtnis bezahlt hatte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eOh Gott\u201c, hauchte ich, lie\u00df den Stift fallen und presste beide H\u00e4nde an meine Schl\u00e4fen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich sp\u00fcrte ein beklemmendes Gef\u00fchl in meiner Brust. Das Atmen fiel mir schwer und mein Puls beschleunigte sich, jagte mir Stromst\u00f6\u00dfe durch den Kopf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eOh Gott\u201c, wiederholte ich flehend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Ich muss mich doch erinnern<\/em>, dachte ich. <em>Da muss doch irgendetwas sein<\/em>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Schwei\u00df brach auf meiner Stirn aus und ich musste mit dem B\u00fcrostuhl Abstand zum Schreibtisch nehmen, um mich nach vorn \u00fcber zu beugen und den Kopf zwischen meine Knie zu klemmen. Das half zwar nicht gegen den Kopfschmerz, sorgte aber daf\u00fcr, dass ich mich beruhigte und wieder atmen konnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEins\u201c, z\u00e4hlte ich laut und nahm einen tiefen Atemzug, \u201ezwei. Drei. Vier. F\u00fcnf.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Tiefe Atemz\u00fcge. Bis in den Bauch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit beruhigte sich mein Herzschlag und ich traute mich meine Haltung etwas aufzurichten, die Arme fest an den Oberk\u00f6rper gepresst, die H\u00e4nde zu F\u00e4usten geballt auf meinem Brustkorb.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Einatmen. Ausatmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Erneut blickte ich auf das Foto. Das Foto von Elisabeth und Eric. Von mir und meinem Mann, an den ich mich nicht erinnern konnte und der jetzt tot war. Das Foto, geschossen in einem Leben, von dem ich nichts mehr wusste und das nun vorbei war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Unweigerlich sah ich auf die Unterlagen, die vor mir ausgebreitet waren. Brosch\u00fcren von Bestattungsunternehmen, Krankenhausrechnungen und Informationen diverser Versicherungen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Ein geliebter Mensch geht nie ganz. Ein Teil bleibt<\/em>\u2026 <em>Abschied nehmen und Trauern \u2013Schritte, die Sie nicht allein gehen m\u00fcssen<\/em>\u2026 Bilder von Engeln, einsamen Wegen, Lichtstrahlen und weiten Feldern dekorierten Angebote f\u00fcr kosteng\u00fcnstige Beerdigungen jeglicher Art. Allesamt versuchten sie piet\u00e4tvoll zu sein, Anteil zu nehmen und gleichzeitig wirtschaftlichen Ertrag zu erzielen und Kunden zu gewinnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Ein geliebter Mensch\u2026 Trauern<\/em>. Ich hatte Eric geliebt \u2013 so sagten es alle. Deshalb sollte und <em>durfte<\/em> ich trauern \u2013 dies sagten auch alle. Und das tat ich auch, trauern. Irgendwo tief in mir. Ich sp\u00fcrte die Traurigkeit durch meine Adern kriechen und sich an mich h\u00e4ngen, wie eine Eisenkugel am Fu\u00dfgelenk. Aber so sehr ich mich auch bem\u00fchte, so sehr ich es wollte, ich konnte diese Trauer nicht mit Eric in Verbindung bringen. Dem Mann, der seinen Arm locker und doch bestimmt um meine Schultern gelegt hatte und den ich irgendwann ein Mal so angesehen hatte, als w\u00e4re er das Zentrum des Universums f\u00fcr mich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen erwachte ich mit demselben Gef\u00fchl, wie an den Morgen davor. Wie an jedem Morgen seit dem Unfall. Ich wachte abrupt auf und riss meine Augen auf. Die Eindr\u00fccke prasselten wie in einem Kurzfilm sogleich auf mein vom Schlaf noch benebeltes Gehirn ein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich hatte einen Autounfall gehabt. <em>Wir<\/em> hatten einen Autounfall gehabt. Ich und mein Mann Eric. Auf der Zubringerstra\u00dfe zum Freeway, an der Kreuzung direkt hinter der Kurve. Ein Lastwagen hatte es aufgrund der Wetterverh\u00e4ltnisse nicht mehr geschafft, rechtzeitig zum Stehen zu kommen und uns in den Gegenverkehr geschoben. Dort waren wir frontal mit einem Minivan zusammengeprallt. Eric war noch am Unfallort verstorben. Ich war f\u00fcr vier Tage in ein k\u00fcnstliches Koma versetzt worden und hatte \u00fcberlebt. Die Insassen des Minivans waren ebenfalls alle verstorben, ebenso der Lastwagenfahrer. Das hatte man mir erz\u00e4hlt. Hatten <em>sie<\/em> mir erz\u00e4hlt \u2013 meine Familie, meine Freunde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Alle tot \u2013 au\u00dfer mir. Ich hatte \u00fcberlebt. Ein Wunder hatten sie es genannt. Ich w\u00fcrde leben. Ein Leben, das mir so fremd war, als geh\u00f6rte es mir nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Retrograde Amnesie hatte der Arzt festgestellt. Die erste klare Erinnerung nach dem Unfall.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eMrs. Maiden\u201c, versuchte der Arzt in empathischem Tonfall zu vermitteln, der seine professionelle Distanziertheit aber nicht g\u00e4nzlich \u00fcberdecken konnte, \u201eleider muss ich Ihnen mitteilen, dass der Unfall Teile ihres Gehirns schwer besch\u00e4digt hat. Man spricht von einer retrograden Amnesie, wenn Betroffene sich nicht mehr oder nur teilweise an Dinge aus ihrem Leben vor dem sch\u00e4digenden Ereignis erinnern k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eUnd das hei\u00dft?\u201c, hatte ich panisch gefragt. Im Hintergrund das gleichm\u00e4\u00dfige Piepen der Kontrollmonitore. \u201eGeht das wieder weg? Wann kann ich mich wieder erinnern?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDas kann man nicht mit Bestimmtheit sagen. Retrograde Amnesien verlaufen sehr unterschiedlich.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eUnd was hei\u00dft das?\u201c, wiederholte ich meine Frage nun aufgebrachter. Der Raum f\u00fchlte sich klein an, eng und \u00fcberf\u00fcllt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eMrs. Maiden, es ist wichtig, dass Sie ruhig bleiben\u201c, versuchte der Arzt beschwichtigend auf mich einzureden. \u201eSie m\u00fcssen jegliche Form von Stress vermeiden, wenn Sie ihre Erinnerungen zur\u00fcck erlangen wollen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch soll mich beruhigen?\u201c, keuchte ich. Dies war das erste Mal, dass ich eine Panikattacke bekam. \u201eWie soll ich mich beruhigen? Ich habe einen Unfall gehabt, an den ich mich nicht erinnere! Bei dem mein Mann gestorben ist, an den ich mich auch nicht erinnere! In meinem Kopf herrscht pures Chaos und alles in meinem K\u00f6rper schreit, dass ich keinen Tag \u00e4lter als 20 sein kann! Trotzdem steht auf meinem Krankenblatt, dass wir 2016 haben, was bedeutet, dass ich 31 Jahre alt bin. Und ich kann mich nicht daran erinnern.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mir blieb die Luft weg. Mein Brustkorb hob und senkte sich und doch sp\u00fcrte ich keinen Sauerstoff in meinen Lungen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch kann mich nicht erinnern\u2026 Ich kann mich nicht erinnern\u2026\u201c, brachte ich nach Atem ringend hervor.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wieder im hier und jetzt angekommen, rollte ich mich auf die Seite, zog die Knie an meine Brust und versuchte das Gef\u00fchl der aufkommenden Beklemmung zu unterdr\u00fccken. Ich war jetzt seit zwei Wochen wieder zu Hause. <em>Zu Hause<\/em>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es gelang mir mittlerweile besser, die aufsteigende Panik zu bek\u00e4mpfen und mich trotzdem aufzurichten und das Bett zu verlassen. Auch der Blick in dem gro\u00dfen Spiegel im Badezimmer f\u00fchrte nicht mehr zu einem Schock. Die Augen dieser Elisabeth hatten nichts mehr mit denen der Frau von dem Foto im B\u00fcro gemeinsam. Sie waren irgendwie dunkler und wirkten leer. Auch das kupferfarbene Haar reichte mir nur noch bis zum Kinn, eine Stelle war f\u00fcr eine OP kahl rasiert worden. Mein linkes Auge erbl\u00fchte noch in leichten Gr\u00fcn- und Gelbt\u00f6nen, genau wie die Striemen, die mein Anschnallgurt hinterlassen hatte. Ich w\u00fcrde immer eine Narbe von der Platzwunde an meiner linken Augenbraue zur\u00fcckbehalten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Aber was war schon eine Narbe? Ich w\u00fcrde leben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In der K\u00fcche traf ich auf dasselbe Bild, wie an jedem anderen Morgen seit ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Meine Mutter, meine Schwester Jamie und meine Schw\u00e4gerin Kristin sa\u00dfen gemeinsam an dem gro\u00dfen Tisch im Esszimmer. Alle drei jeweils einen gro\u00dfen Pott Kaffee in der Hand, in ein leises Gespr\u00e4ch vertieft, dass jedes Mal verstummte, sobald ich die Treppe hinunterkam.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eGuten Morgen, Liebes\u201c, begr\u00fc\u00dfte mich meine Mutter. Ihre Stimme, genau wie ihre Augen, voll Kummer und Mitleid. \u201eHast du schlafen k\u00f6nnen?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich nickte stumm. \u00dcberraschenderweise hatte ich mit dem Schlafen keine Probleme. Es war das Aufwachen, welches mich belastete.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eM\u00f6chtest du etwas essen, Lizzy?\u201c, fragte Kristin behutsam. \u201eIch wollte gleich zu Zimmys fahren und ein paar Bagels holen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich stockte kurz und konnte den Blick nicht von ihr nehmen. Kristin sah aus wie ihr Bruder. Dasselbe nussbraune Haar und diesen verschmitzten Ausdruck um die Augen. Auch bei all der Traurigkeit, die ihr ins Gesicht geschrieben stand. Man hatte mir gesagt, dass die beiden keine Zwillinge gewesen waren. Eric war drei Jahre \u00e4lter als Kristin. \u00c4lter gewesen. Und dennoch war die \u00c4hnlichkeit nicht zu leugnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eElisabeth?\u201c, holte meine Mutter mich aus meinen Gedanken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEntschuldige\u201c, erwiderte ich und r\u00e4usperte mich. \u201eJa, ich denke, ich h\u00e4tte gerne einen -\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eBagel mit Rosinen\u201c, beendete Kristin meinen Satz f\u00fcr mich und l\u00e4chelte unsicher. \u201eDie isst du am liebsten.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eJa. Richtig.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es herrschte ein Moment unangenehmen Schweigens, bevor Kristin sich erhob und auf mich zu kam.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eGlaub mir\u201c, sagte sie und ber\u00fchrte mich am Arm. \u201eDeine Erinnerungen werden schon noch zur\u00fcck kommen.\u201c Diesmal versuchte sie ihrem L\u00e4cheln eine hoffnungsvolle Note zu verleihen, was ihr nur bedingt gelang. Dann ging sie in die K\u00fcche, nahm ihre Handtasche von der Anrichte und ging Richtung Hinterausgang. \u201eFalls euch noch etwas einf\u00e4llt, ruft mich an. Bis gleich.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eAlles ok Schatz?\u201c, fragte meine Mutter beunruhigt. Eine seltsame Frage in Anbetracht der Gesamtsituation.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eJa\u201c, antwortete ich knapp. \u201eEs ist nur ein komisches Gef\u00fchl\u2026 dass sie so viel \u00fcber mich wei\u00df, wenn ich\u2026\u201c, ich konnte die letzten Worte nur schwer aussprechen, \u201eWenn ich nichts \u00fcber sie wei\u00df.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Meine Mutter, genau wie meine Schwester, verzichtete auf Aufmunterungen oder Beschwichtigungen. Stattdessen sahen mich beide mit diesem Blick an, der, seitdem ich aus dem Koma aufgewacht war, mein stetiger Begleiter geworden war. Ein Blick, der vor Mitleid nur so triefte und mich in einen Mantel aus Armseligkeit h\u00fcllte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich hatte mich dazu entschlossen, mit den ganzen Unterlagen ins Esszimmer zu wechseln. Keine weitere Sekunde hielt ich es in diesem B\u00fcro aus. Ich hatte das Foto von der Fensterbank in eine Schublade gepackt und trotzdem war es mir nicht aus dem Kopf gegangen. Die Vertrautheit der beiden hing wie ein schweres Parf\u00fcm in der Luft. S\u00fc\u00df und penetrant. Und genau wie ein solcher Duft bereitete es mir Kopfschmerzen und mir war, als konnte ich die beiden aus der Schublade heraus h\u00f6ren. H\u00f6ren, wie sie kicherten und sich Liebesschw\u00fcre zufl\u00fcsterten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Hier im Esszimmer war es besser. Dies war der einzige Raum, in dem kein Foto der beiden hing. Nur Familienportraits und Bilder von Freunden. Nicht an alle Gesichter konnte ich mich erinnern. Bei einigen fehlte mir jegliche Erinnerung, bei anderen wusste ich nur gewisse Ereignisse nicht. Hochzeiten zum Beispiel. Geburten von Kindern oder Umz\u00fcge.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich hatte die Entt\u00e4uschung aller gesp\u00fcrt, als das Betrachten alter Fotos rein gar nichts bewirkt hatte. Viel schlimmer waren jedoch die Gef\u00fchle, die alle versuchten zu verbergen. Die h\u00e4sslichen Gef\u00fchle, die ihre Daseinsberechtigung hatten, aber von denen keiner sich traute, sie laut auszusprechen. So wusste ich, dass meine Schwiegermutter sich fragte wieso ich \u00fcberlebt hatte und Eric nicht. Wieso ich nicht jeden Tag in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st in meinem Bett verbrachte, so wie sie es tat. So wie eine Witwe es tun sollte. Ich konnte es in ihren Augen lesen, in ihrem kalten H\u00e4ndedruck sp\u00fcren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Aber damit durfte ich mich jetzt nicht befassen. Ich musste Erics Beerdigung arrangieren. Seine Beisetzung war \u00fcberf\u00e4llig \u2013 f\u00fcr ihn und f\u00fcr all seine Angeh\u00f6rigen. Und ich wollte mich darum k\u00fcmmern. Es gab mir eine Aufgabe, etwas, wozu ich mein Ged\u00e4chtnis nicht brauchte. Ich konnte auch mit Amnesie bei einem Bestattungsunternehmen anrufen und Termine vereinbaren, \u00dcberweisungen t\u00e4tigen, einen Sarg und Trauerkr\u00e4nze ausw\u00e4hlen. Au\u00dferdem hatte ich das Gef\u00fchl, so wieder gut zu machen, dass ich ihn nicht vermisste. Ich konnte daf\u00fcr sorgen, dass er die letzte Ehre erhielt, die er laut aller Erz\u00e4hlungen mehr als verdiente und somit meine Pflicht als Ehefrau erf\u00fcllen, auch wenn ich keinerlei Verbundenheit zu ihm sp\u00fcren konnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Stumme Tr\u00e4nen rannen mir \u00fcber die Wangen und tropften auf eine Brosch\u00fcre. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich zu weinen begonnen hatte. Meine Mutter, die nebenan in der K\u00fcche war und das Abendessen vorbereitete, sah wie ich mir \u00fcber das Gesicht wischte und kam sogleich auf mich zu.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eAch Lizzy\u201c, brachte sie sanft hervor und schloss mich fest in die Arme. \u201eIch wei\u00df, was du f\u00fchlst. Als dein Vater damals starb, dachte ich auch, dass die Welt aufh\u00f6ren w\u00fcrde zu existieren. Dass ich es nicht \u00fcberstehen kann.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eMom, ich\u2026\u201c, begann ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIst schon gut\u201c, unterbrach meine Mutter mich. \u201eIch wei\u00df, du denkst, es sei nicht dasselbe, weil du dich nicht an Erics und deine Zeit erinnern kannst. Aber dein Herz vermisst ihn trotzdem, das wei\u00df ich genau. So, wie ihr euch geliebt habt, ist das auch kein Wunder\u201c, sie seufzte tief und dr\u00fcckte mich fester.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich drohte zu ersticken. Ihre Worte fesselten mich in ihrer Umarmung und ich weinte bitterlich. Aber es war keine Trauer, die meine Tr\u00e4nen n\u00e4hrte. Es war Hilflosigkeit. Hilflosigkeit und Wut. Alle glaubten zu wissen, was ich f\u00fchlte und wie es mir ging. Alle gingen davon aus, dass Erics Tod ein Loch in meine Brust gerissen hatte und der Schmerz \u00fcber seinen Verlust an mir nagte. Deshalb k\u00fcmmerten sich alle aufopferungsvoll um mich. Versuchten mich zu tr\u00f6sten, f\u00fcr mich da zu sein, mich zu unterst\u00fctzen, wo sie nur konnten und ich hatte nur den Wunsch zu schreien. Aus Leibeskr\u00e4ften zu schreien, in der Hoffnung, dass jemand zu mir sah und wirklich <em>mich<\/em> sah.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Am besten ging es mir, wenn ich allein und f\u00fcr mich war. Wie in diesem Augenblick. Ich sa\u00df in dem alten Auto meiner Gro\u00dfmutter. Da ich mich an den Autounfall nicht erinnern konnte, bereitete es mir auch keine Angst Auto zu fahren. F\u00fcr meinen K\u00f6rper war der Unfall nie passiert, also gab es auch nichts zu bef\u00fcrchten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Meine Schwester hatte mir erz\u00e4hlt, dass meine Gro\u00dfmutter vor vier Jahren verstorben war. Die Nachricht \u00fcber ihren Tod war mir n\u00e4her gegangen, als der Tod meines Mannes. Wenn ich an sie dachte, dann lag ein Hauch von Minz\u00f6l in der Luft und ein wohlig warmes Gef\u00fchl machte sich in meiner Brust breit. Ich erinnerte mich dann an die Nachmittage vor ihrem Kamin, in denen sie mir aus ihren historischen Liebesromanen vorgelesen hatte. Wenn ich an Eric dachte, dann war da nichts. Nichts, das echt war. Nur Dinge, die man mir erz\u00e4hlt hatte. Wie unser erstes Date oder unsere Verlobung. Eric hatte einen Song geschrieben, in dem er um meine Hand anhielt und durch seine Beziehungen zum \u00f6rtlichen Radiosender wurde dieser Song im Radio gespielt. Von meiner Schwester wusste ich, dass ich \u00fcberhaupt nicht registriert hatte, dass dieser Song mir gewidmet war. Das klang romantisch und nach der ganz gro\u00dfen Liebe. Wie in einem Spielfilm. Und genauso f\u00fchlte es sich an \u2013 surreal und fremd. Als w\u00e4re es nicht wirklich passiert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Jetzt war ich auf dem Weg zu Fisher &amp; Brennemans Bestattungsunternehmen, um eben diesen Mann beisetzen zu lassen. Und so sehr ich mich f\u00fcr diese Gedanken auch sch\u00e4mte, hoffte ich heimlich, dass mit seiner Beerdigung auch seine stetige Pr\u00e4senz verschwand. Vielleicht hatte ich dann eine Chance, als ich wahrgenommen zu werden und nicht mehr nur die Witwe von Eric Maiden zu sein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das B\u00fcro von Fisher &amp; Brennemans war schlicht aber geschmackvoll eingerichtet worden. Es wurde auf r\u00fchrselige Bilder und anteilnehmende Zitate an den W\u00e4nden verzichtet. Ein paar Pflanzen und ein Zimmerbrunnen bildeten die einzige Dekoration, die sich im Raum befand.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eMrs. Maiden\u201c, begr\u00fc\u00dfte mich Mr. Fisher, als er den Raum betrat und reichte mir seine Hand. \u201eMein aufrichtiges Beileid.\u201c Sein Blick war sanft und mitf\u00fchlend. Sein H\u00e4ndedruck zwar mit der angemessenen Kraft, aber f\u00fcr meinen Geschmack etwas zu lang.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDanke\u201c, erwiderte ich steif. Ich wollte diese Angelegenheit so schnell wie m\u00f6glich hinter mich bringen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eSeinen Partner f\u00fcrs Leben zu verlieren, muss schmerzhaft- \u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eMr. Fisher, ich danke Ihnen f\u00fcr Ihre Anteilnahme, aber ich w\u00fcrde es sehr begr\u00fc\u00dfen, wenn wir sofort mit den organisatorischen Dingen beginnen.\u201c Ich versuchte meine Aussage weniger k\u00fchl klingen zu lassen und l\u00e4chelte unsicher.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eNat\u00fcrlich, Mrs. Maiden. Ich verstehe.\u201c Mr. Fisher wirkte irritiert, fing sich aber schnell und holte sogleich die n\u00f6tigen Unterlagen hervor. Auf dem Rand der Kladde stand in schwarzen Gro\u00dfbuchstaben E. MAIDEN und ich f\u00fchlte nichts. Nicht mal Betroffenheit dar\u00fcber, dass ein Mensch verstorben war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mr. Fisher bem\u00fchte sich f\u00fcr den Rest unseres Gespr\u00e4chs eine sachliche Miene aufzusetzen. Dennoch entging mir nicht, wie er mich gelegentlich aus dem Augenwinkel ansah \u2013 irgendwie argw\u00f6hnisch und leicht absch\u00e4tzig. Auch bemerkte ich, wie er immer wieder ansetzte, um etwas zu sagen, sich dann aber eines Besseren besann und offensichtlich etwas anderes von sich gab, als er urspr\u00fcnglich getan h\u00e4tte. Ich f\u00fchlte mich unbehaglich in meiner Haut. Verurteilt und missverstanden. Auf der anderen Seite hatte ich diese Verurteilung verdient. Mein Mann war gestorben und ich trauerte nicht um ihn. Und er war ein guter Mann gewesen, treu, aufrichtig und wertsch\u00e4tzend mir gegen\u00fcber. Das sagten alle.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eMrs. Maiden?\u201c, unterbrach Mr. Fisher meine Gedankenspirale.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEntschuldigen Sie, ich war gerade abwesend. Was sagten Sie?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eKein Problem. Ich verstehe Ihre\u2026 Situation.\u201c Er l\u00e4chelte matt. \u201eIn welcher Kirche m\u00f6chten Sie den Trauergottesdienst abhalten?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch dachte an die St. James Kirche am Stadtrand.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eM\u00f6chten Sie eine Totenwache?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eAuf keinen Fall\u201c, brachte ich energischer als angemessen hervor. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass die einzige echte Erinnerung an sein Gesicht umrahmt von seinem Sarg sein sollte. Begleitet von dem leisen Weinen seiner Angeh\u00f6rigen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mr. Fisher sah mich etwas erschrocken an.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEr \u2026 er ist bei dem Unfall schwer entstellt worden\u201c, log ich, um nicht noch sonderbarer zu wirken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Fisher nickte verstehend und machte ein Kreuz auf einem Formular.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eSo wie ich das sehe, w\u00e4re das alles\u201c, fuhr er mit dem g\u00e4ngigen Prozedere fort. \u201eSie m\u00fcssten dann hier unterschreiben und sich noch mit Pastor Clemens in Verbindung setzen. Er ist f\u00fcr den Trauergottesdienst und den Beisetzungsakt verantwortlich. Wir werden ihn ebenfalls kontaktieren und organisatorische Belange mit ihm kl\u00e4ren.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Diesmal war es an mir zu nicken und ich unterzeichnete drei Exemplare des <em>Kaufvertrages<\/em>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDies ist Ihre Ausfertigung\u201c, sagte Fisher und reichte mir eine schlichte graue Mappe. \u201eSollten Sie noch Fragen haben oder Probleme aufkommen, z\u00f6gern Sie nicht, sich unter dieser Rufnummer bei uns zu melden.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Fisher z\u00f6gerte einen Moment und sah mich eindringlich an. Er schien mit sich zu hadern, ob er noch weiter sprechen sollte oder nicht und entschied sich letztendlich daf\u00fcr.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDer Tod ver\u00e4ndert das Leben, Mrs. Maiden. Das ist etwas, dass ich in all meinen Jahren in dieser Branche gelernt habe. Falls Sie \u2013 und ich meine Sie als Mensch \u2013 etwas brauchen, Hilfe, jemanden zum Reden oder auch nur zum Zuh\u00f6ren, stehen auf der R\u00fcckseite ein paar Telefonnummern.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es entstand ein Moment des Schweigens, der mir Tr\u00e4nen in die Augen trieb und ich konnte nicht antworten. Ein Klo\u00df, so gro\u00df wie ein Tennisball, sa\u00df in meinem Hals.<em> Und ich meine Sie als Mensch<\/em>\u2026<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch danke Ihnen\u201c, kr\u00e4chzte ich, nahm die Mappe an mich und verlie\u00df hastig das B\u00fcro.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich hatte es gerade so bis zum Auto geschafft, als vor meinen Augen wei\u00dfe Punkte zu tanzen begannen. Ganz langsam sp\u00fcrte ich, wie mir die Luft wegblieb, als l\u00e4gen zwei H\u00e4nde um meine Kehle und verst\u00e4rkten nach und nach ihren Griff. Mein Herzschlag gewann rasant an Tempo und echote unglaublich laut in meinen Ohren. Ich musste mich beruhigen. Es gab keinen Grund f\u00fcr meine Panik.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eBeruhige dich\u201c, wisperte ich mir selbst zu. Schwei\u00dfperlen sammelten sich auf meiner Stirn. \u201eDu musst dich beruhigen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Innerlich versuchte ich mich nur auf meine Atmung zu konzentrieren. Auf die Bewegung meines Brustkorbes, die tats\u00e4chlich stattfand, auch wenn die Angst mir einreden wollte, dass ich keine Luft bekam. Und dann weinte ich. Tr\u00e4nenreich und laut, bis meine Wangen gl\u00fchten und der Druck in meiner Brust nachlie\u00df. Ich f\u00fchlte mich, als h\u00e4tte man mich inmitten eines riesigen Waldes ausgesetzt, ausgestattet mit einem kaputten Kompass und der Landkarte eines anderen Planeten und erwartete von mir, dass ich den Weg zur\u00fcck fand. Ich hatte die Orientierung verloren und kaum noch Kraft, mich aufrecht zu halten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch schaff das nicht\u201c, sagte ich leise zu mir selbst. \u201eEs ist zu schwer.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>W\u00e4hrend ich nach den Taschent\u00fcchern suchte, fiel mir mein Handy in die Hand. Jamie hatte mir \u00fcbergangsweise ein altes von sich geliehen. 3 Nachrichten und ein Anruf in Abwesenheit. Der Anruf und zwei der Nachrichten waren von meiner Mutter. Sie wollte wissen, ob alles ok sei. Die andere Nachricht war von Jamie, mit demselben Inhalt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Schon wieder diese Frage.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eOb alles ok war?\u201c, lachte ich hysterisch auf. \u201eWie sollte es ok sein? Ich habe einen schweren Unfall gehabt, Mutter, und elf Jahre meines Lebens verloren. Elf Jahre, die ich vielleicht nie wieder zur\u00fcck bekommen werde\u201c, br\u00fcllte ich nun lauthals in meinem Auto.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eUnd wenn ich mein Ged\u00e4chtnis doch noch zur\u00fcck erlangen sollte, wird mein Herz zerbrechen, weil ich meinen Mann verloren habe. Wie sollte es da ok sein? Wie sollte da irgendetwas jemals wieder ok sein?\u201c Meine Stimme hatte eine unangenehm schrille Tonlage angenommen und ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich weiter weinen oder verzweifelt auflachen sollte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Doch nichts von alle dem schrieb ich als Antwort an meine Mutter oder Schwester. Stattdessen tippte ich kurz und knapp, dass ich beim Bestattungsunternehmen fertig war und jetzt zu Pastor Clemens fahren w\u00fcrde. Die Frage nach meinem Befinden lie\u00df ich dabei unbeantwortet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die St. James Kirche lag abgeschieden an einem H\u00fcgel, \u00fcber den sich der angrenzende Friedhof erstreckte. Sie war klein und schief gebaut. Die niedrige Backsteinmauer war von einer Reihe Trauerweiden ges\u00e4umt, deren R\u00e4nke leicht im Wind wehten. Ganz so, als w\u00fcrden sie einem sch\u00fcchtern zu winken. Ich hatte mir nie viel aus der Institution Kirche gemacht und auch mit der Glaubensfrage hatte ich mich bisher nicht auseinander gesetzt. Auch nach dem Unfall nicht. Dennoch \u00fcberkam mich eine G\u00e4nsehaut, als ich aus dem Auto stieg und auf die Kirche zu lief, im Hintergrund die grauen Grabsteine, umgeben von wei\u00dfen Marmorengeln.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Von Innen bestach die Kirche durch ein eher schlichtes Design. Die Fenster zeigten in buntem Glas biblische Bilder und \u00fcber dem Altar thronte ein gekreuzigter Jesus. Rechts neben dem Altar befand sich ein aufwendig verziertes Taufbecken, in das ebenfalls Bildnisse gemei\u00dfelt worden waren. Ansonsten war auf Protz und Prunk verzichtet worden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es waren keine Besucher in der Kirche. In der vordersten Reihe sa\u00df ein \u00e4lterer Mann in schwarzem Anzug, mit kurzen grauen Haaren, den Blick Richtung Altar gerichtet. Ich schritt langsam auf ihn zu.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEntschuldigen Sie\u201c, sprach ich ihn leise an. \u201eSind Sie Pastor Clemens?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Mann wandte mir sein Gesicht zu und l\u00e4chelte freundlich. Seine Augen waren von einem wei\u00dfen Schleier durchzogen, ganz so, als w\u00e4re es neblig in ihnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eNein, Miss\u201c, erwiderte er h\u00f6flich. Seine Stimme war rau und ruhig und passte irgendwie zu seinem Erscheinungsbild. \u201ePastor Clemens hat gerade ein Beratungsgespr\u00e4ch, aber wenn Sie m\u00f6chten, k\u00f6nnen Sie gerne hier auf ihn warten. Es sollte nicht mehr allzu lange dauern.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es war ganz offensichtlich, dass der Mann nicht mehr sehen konnte und doch war sein Blick durchdringend. Die vielen Falten und Altersflecken auf seinem Gesicht und seinen H\u00e4nden lie\u00df mich vermuten, dass er bereits weit \u00e4lter als 70 sein musste.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWenn es Sie nicht st\u00f6rt\u201c, erwiderte ich unsicher.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eGanz und gar nicht.\u201c Er sch\u00fcttelte leicht den Kopf. \u201eMein Name ist William. Ich bin, nennen wir es mal Hilfspastor.\u201c Er lachte tief und verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig laut.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch bin Elisabeth\u201c, stellte ich mich kurz vor, w\u00e4hrend ich mich neben ihn auf die Bank setzte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es blieb einige Minuten lang still zwischen uns und es war das erste Mal seit dem Unfall, dass sich das Schweigen nicht unangenehm anf\u00fchlte. William sa\u00df einfach nur da, die tr\u00fcben Augen geradeaus gerichtet, seine H\u00e4nde entspannt in seinem Scho\u00df. Er schien eins mit sich zu sein und gab damit dem Raum um ihn herum eine ausgeglichene Schwingung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIst es nicht wundersch\u00f6n hier?\u201c, sprach William and\u00e4chtig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eJa\u201c, gab ich \u00fcberrascht von mir. \u201eDiese Ruhe und\u2026 ich wei\u00df auch nicht\u2026\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWissen Sie, seit 17 Jahren lebe ich nun schon in steter Dunkelheit. Vieles in der Stadt, ach in der ganzen Welt, hat sich seit dem ver\u00e4ndert. Aber hier in der Kirche habe ich das Gef\u00fchl, als h\u00e4tte ich mein Augenlicht niemals verloren. Ich kann Ihnen alles ganz genau beschreiben. Jede Nische, jeden Stein, selbst die Schnitzereien in den einzelnen B\u00e4nken.\u201c Er zwinkerte beim letzten Satz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wieder sa\u00dfen wir einige Minuten stillschweigend nebeneinander.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eGlauben Sie an die H\u00f6lle?\u201c, fragte ich pl\u00f6tzlich, von mir selbst \u00fcberrascht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>William neigte seinen Kopf in meine Richtung und sah doch leicht an mir vorbei.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWenn ich an den Himmel glaube, dann muss ich auch an die H\u00f6lle glauben\u201c, sagte er darauf ruhig, ohne jegliche Form von Wertung in seiner Stimme. \u201eDas eine kann ohne das andere nicht existieren.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich nickte stumm und f\u00fchlte eine zentnerschwere Last auf meinen Schultern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eUnd wenn ich Ihnen jetzt erz\u00e4hlen w\u00fcrde, dass ich eine junge Frau kenne, die etwas Schreckliches \u00fcberlebt hat, mehr Gl\u00fcck hatte, als andere und sich nicht dar\u00fcber freuen k\u00f6nnte\u201c, begann ich mit bebender Stimme, \u201ew\u00fcrden Sie dann sagen, dass sie in die H\u00f6lle kommen wird? Daf\u00fcr, dass sie nicht dankbar ist, noch am Leben zu sein und es nicht zu sch\u00e4tzen wei\u00df?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eNein\u201c, erwiderte er schlicht und ohne zu z\u00f6gern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eUnd wenn nun bei diesem schrecklichen Ereignis ihr geliebter Mann, der immer gut zu ihr war, ums Leben gekommen w\u00e4re und sie ihn nicht vermissen k\u00f6nnte, weil sie sich nicht an ihn erinnerte?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eAuch dann nicht\u201c, antwortete William erneut. Er regte sich nicht, blieb ganz ruhig neben mir sitzen, seinen Kopf noch immer in meine Richtung geneigt, den Blick zu Boden gerichtet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eUnd wenn\u201c, ich stockte und schmeckte den bissigen Geschmack von Scham gepaart mit Wut auf meiner Zunge, \u201ewenn sie sich insgeheim w\u00fcnschte, dass alle aufh\u00f6ren w\u00fcrden von ihm zu reden? Von ihm und ihr und ihrer gro\u00dfen Liebe? Und dem gro\u00dfen Kummer, den sie versp\u00fcren musste?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich lachte bitter. Ein h\u00e4ssliches Lachen, \u00e4tzend und schrill.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDenn den m\u00fcsste man ja versp\u00fcren, bei so einer Liebe, nicht? Auch wenn das Ged\u00e4chtnis alles dar\u00fcber gel\u00f6scht h\u00e4tte. Auch, wenn ihr Ged\u00e4chtnis weitaus mehr gel\u00f6scht h\u00e4tte. Und zwar alles. Alles, was sie ausgemacht hatte und es sich im Prinzip so anf\u00fchlte, als w\u00e4re sie mit ihm gestorben. In diesem verfluchten Auto, auf dieser verfluchten Kreuzung!\u201c Ich schrie die letzten Worte, warf sie wie Steine und wollte verletzen, zerst\u00f6ren. So wie ich verletzt war. So wie ich zerst\u00f6rt war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Als das Echo meiner Stimme langsam verebbte, fl\u00fcsterte ich: \u201eSie ist mit ihm gestorben, wissen Sie. Sie ist weg und ich f\u00fcrchte, sie kommt nicht mehr zur\u00fcck.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>William blieb einen Augenblick lang stumm. Er richtete seine Haltung etwas auf und verschr\u00e4nkte die Arme vor seiner Brust. Innerlich bebte ich. Die Worte hallten in meinen Gedanken nach, gepaart mit furchtbaren Bildern eines Unfalls, die nicht echt, sondern nur meiner Vorstellung entsprungen waren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eSie machen es sich zu einfach\u201c, durchbrach William die Stille mit einer Sanftheit, die mir eine G\u00e4nsehaut bereitete.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eUnd selbst, wenn es so w\u00e4re? Dass sie verdammt w\u00e4ren?\u201c, fragte er ganz unverhohlen. \u201eSie k\u00f6nnen die H\u00f6lle nicht als Ausweg nehmen, um die Verantwortung f\u00fcr ihr eigenes Leben abzulegen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>William hielt einen Moment inne, bevor er weitersprach.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch glaube, dass ich verstehen kann, was Sie f\u00fchlen. Und ich kann auch verstehen, dass Sie Angst haben. Angst vor der Zukunft, die sich noch viel ungewisser anf\u00fchlen muss, wenn man die Vergangenheit nicht kennt. Aber dennoch sind Sie hier und von Himmel oder H\u00f6lle weit entfernt. Ich denke, es w\u00e4re fatal aufzugeben, weil Sie glauben, dass Sie unweigerlich der Verdammnis geweiht sind.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Williams tr\u00fcber Blick fand auf unerkl\u00e4rliche Weise den meinen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eSie entscheiden jeden Tag aufs Neue, wohin Ihr Weg sie f\u00fchren wird. Und ganz gleich, was Sie tun oder f\u00fchlen, Ihr Leben kann Ihnen niemand abnehmen. Auch die H\u00f6lle nicht.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Links \u00f6ffnete sich eine T\u00fcr und Stimmen erklangen. Ich zuckte kurz zusammen, fuhr mir mit beiden H\u00e4nden durch mein erhitztes Gesicht und kam mir auf einmal furchtbar l\u00e4cherlich vor.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eTut\u2026 tut mir leid\u201c, stammelte ich besch\u00e4mt. Ich konnte ihn nicht anblicken, auch wenn ich wusste, dass er meinen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDas muss es nicht\u201c, sagte er freundlich und legte mir behutsam eine Hand auf die Schulter. \u201eIch k\u00f6nnte jetzt so etwas sagen wie \u201aDie Wege des Herrn sind unergr\u00fcndlich\u2018, aber das schenke ich mir.\u201c William stockte kurz, schien die n\u00e4chsten Worte mit Bedacht zu w\u00e4hlen. \u201eAbgerechnet wird am Ende, Elisabeth. Und ganz eindeutig ist Ihr Ende noch nicht gekommen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich zog kr\u00e4ftig an der Zigarette, w\u00e4hrend ich unruhig mit dem R\u00fccken gegen den Wagen meiner Gro\u00dfmutter lehnte. Die Sonne war hinter einer grauen Wolkendecke verschwunden und mit dem aufkommenden Wind fr\u00f6stelte es mich. Dennoch war die K\u00e4lte auch angenehm. Sie half mir einen klaren Kopf zu behalten. <em>Ihr<\/em> <em>Leben kann Ihnen niemand abnehmen. Auch die H\u00f6lle nicht.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>William hatte ich nach dem Gespr\u00e4ch mit Pastor Clemens nicht mehr gesehen. Der Platz in der Bank der ersten Reihe war leer gewesen, als ich durch die gro\u00dfe Halle zur\u00fcck zum Ausgang der Kirche gegangen war. Mein Blick schweifte unstet \u00fcber die Grabsteine und Figuren des Friedhofs, aber auch hier war er nicht zu sehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mein Ausraster war mir unangenehm und doch hatte es sich gleicherma\u00dfen befreiend angef\u00fchlt, meinen Gef\u00fchlen Luft zu machen. Meinen <em>echten<\/em> Gef\u00fchlen. Nicht denen, die alle mir zuschrieben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Hatte er Recht? Machte ich es mir zu leicht? Versuchte ich die Verantwortung f\u00fcr mein Leben abzugeben?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ein weiterer Zug an meiner Zigarette. Es war unheimlich still auf dem Friedhof. Nicht einmal Vogelgezwitscher war zu h\u00f6ren. Ich war allein. Allein mit meinen Gedanken, die mit jedem Herzschlag an Lautst\u00e4rke gewannen. Wenn William Recht hatte, was bedeutete das? Wie konnte ich Verantwortung f\u00fcr mein Leben \u00fcbernehmen, wenn es sich nicht mal wie mein eigenes anf\u00fchlte? Wenn ich mich selbst kaum wiedererkannte? Alles um mich herum f\u00fchlte sich an wie ein Traum oder ein Schauspiel. Als mimte ich eine Rolle, die man mir zugeteilt hatte. Nur leider fand es kein Ende. Kein Vorhang, der fiel und mich zur\u00fcck in die Realit\u00e4t entlie\u00df.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Vibrieren meines Handys riss mich aus meinen Gedanken. Ich l\u00f6schte die Zigarette, in dem ich sie ein paar Mal \u00fcber den Asphalt rieb und stieg ins Auto. Dort warf ich den Glimmst\u00e4ngel in den Aschenbecher und atmete tief durch, wartete bis der Anruf endete.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich konnte jetzt nicht mit meiner Mutter sprechen. Oder meiner Schwester. Oder meiner <em>Schw\u00e4gerin<\/em>. Ich konnte ihre Stimmen nicht ertragen oder die Fragen nach meinem Befinden \u2013 ob alles ok sei. Also nahm ich mein Handy in die Hand und tippte eine kurze SMS, die allen mitteilte, dass ich alles geregelt hatte und auf dem Heimweg war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich hatte gehofft, dass mir das Arrangieren von Erics Beerdigung so etwas wie inneren Frieden brachte, dass sich zumindest ein Teil meines Gewissens vers\u00f6hnlich zeigen w\u00fcrde. Dies war ein Irrtum gewesen. Einer von so vielen in der letzten Zeit. Nachdem auch das letzte Detail der Beisetzung geregelt war, hatte ich massenweise Lob und Anerkennung erhalten. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass wirklich jeder, der Eric auch nur ein Mal begegnet war, sich aufgemacht hatte, um mir seinen Zuspruch f\u00fcr meine Kraft und meine Aufopferung in dieser schweren Zeit \u2013\u00a0 bei diesem schwerem Verlust \u2013 mitzuteilen. Mit jedem Telefonat, jedem kurzen Besuch schien ich mehr und mehr zu verschwinden. Zur\u00fcck blieb eine H\u00fclle, die mechanisch h\u00f6fflich antwortete, routiniert H\u00e4nde sch\u00fcttelte und sich erwartungsgem\u00e4\u00df dem\u00fctig zeigte. Es waren noch drei Tage bis zur Beisetzung und ich hatte keine Ahnung, wie ich diese Zeit, noch die Bestattung \u00fcberstehen sollte, ohne v\u00f6llig den Verstand zu verlieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Resigniert sa\u00df ich auf der Kante des Ehebettes im Schlafzimmer. Ich hatte die T\u00fcr abgeschlossen und den anderen gesagt, dass ich mich hinlegen und ausruhen w\u00fcrde. Etwas, das mir bisher niemand verweigert hatte. Denn alle <em>wussten<\/em> ja, wie schwierig die Situation f\u00fcr mich war, wie schlecht es mir ging.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Jetzt sa\u00df ich hier, die Knie an die Brust gezogen, beide Arme darum geschlungen und lie\u00df meinen Blick unruhig durchs Zimmer wandern. Nichts in diesem Raum kam mir vertraut vor, noch viel schlimmer, ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich selbst Teile der Einrichtung ausgesucht hatte. Vor dem gro\u00dfen Erkerfenster stand ein furchtbar altmodisches Kanapee mit einem v\u00f6llig \u00fcberladenen Blumenmuster. Unbequem war es auch. Die W\u00e4nde waren in einem kalten Gr\u00fcn-Ton gestrichen, beinahe Jade. Das machte den Raum dunkel und irgendwie beklemmend. Die M\u00f6bel wiederum waren alle schneewei\u00df, was der Szenerie irgendwie etwas Klinisches gab. Die Fotos der Beiden hatte ich schon vor Tagen alle abgeh\u00e4ngt und in einer Kiste ganz hinten im Wandschrank verstaut. Seit dem Gespr\u00e4ch mit William hatte ich angefangen, in Gedanken von <em>den beiden<\/em> zu sprechen, wenn es um mich und meinen verstorbenen Mann ging. Es erschien mir als der einzige Weg, mich auf der Suche nach mir selbst nicht g\u00e4nzlich zu verlieren. Die Begegnung mit William hatte etwas in mir ver\u00e4ndert. Ein Gedanke war gereift, der von einem \u00fcberaus m\u00e4chtigen, wenn auch noch zartem Gef\u00fchl gen\u00e4hrt wurde. <em>Hoffnung<\/em>. Gleichzeitig ging diese Hoffnung Hand in Hand mit markdurchdringender Angst. Die Finger der beiden waren so stark miteinander verwoben, dass ich das Eine nicht ohne das Andere f\u00fchlen konnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Aber es gab eine Sache, bei der ich meiner Familie mittlerweile zustimmte \u2013 es war ein Wunder, dass ich noch lebte. Und wenn ich diesem Wunder gerecht werden wollte, dann musste ich auch wirklich leben. Und wenn ich dazu Hoffnung nur mit Angst als vor\u00fcbergehenden Begleiter sp\u00fcren konnte, dann w\u00fcrde ich das akzeptieren. Denn so konnte ich nicht weiter machen. Das w\u00fcrde keiner von uns schaffen \u2013 weder die alte noch die neue Elisabeth.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWo bist du so lange gewesen, Lizzy?\u201c, meine Mutter stand im T\u00fcrrahmen zum Schlafzimmer und hielt mit einer Hand den Seidenschaal fest umklammert, den sie um ihren Hals trug. Das hatte sie fr\u00fcher schon getan, wenn sie aufgeregt war, aber versuchte, sich im Zaum zu halten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eUnterwegs\u201c, antwortete ich, ohne sie anzuschauen. \u201eIch hatte noch ein paar Dinge zu erledigen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Auch ohne meine Mutter zu sehen, konnte ich f\u00fchlen, wie sie mit sich selbst rang, ob sie eintreten sollte oder nicht. Sie verlagerte ihr Gewicht unruhig von einem Fu\u00df auf den anderen, machte einen minimalen Schritt nach vorn und dann wieder zur\u00fcck. Und dieser alberne Seidenschaal!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWas hattest du denn zu erledigen?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eMom, bitte.\u201c Ich hatte keine Zeit f\u00fcr so ein Gespr\u00e4ch. Und auch keine Energie. Und wenn ich ehrlich war, auch keine Lust. Schnell verschwand ich ins Badezimmer und verstaute die Plastikt\u00fcte mit den Eink\u00e4ufen aus dem Drogeriemarkt im Schrank unter dem Waschbecken. Meine Mutter hatte ihren inneren Kampf indessen entschieden und stand mit verschr\u00e4nkten Armen hinter mir. Ihr graues, gelocktes Haar, das ihr bis zu den Schultern reichte, war leicht aus der Form geraten. Sie sah aus, als w\u00e4re sie in den letzten Wochen um Jahrzehnte gealtert. Allerdings war ich wohl kaum die richtige Person dies einzusch\u00e4tzen. Nat\u00fcrlich sah sie \u00e4lter f\u00fcr mich aus. Mir fehlten elf Jahre.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eElisabeth\u201c, setzte meine Mutter an. Ihre Stimme hatte wieder diesen Tonfall angenommen, behutsam und scheu. Als m\u00fcsste sie mit einem Kleinkind \u00fcber ein Thema reden, f\u00fcr das es eigentlich noch nicht bereit war. \u201eWir machen uns nur Sorgen. Ich wei\u00df ja, dass ich manchmal \u00fcberreagiere und dir deinen Freiraum lassen sollte. Aber seit des Unfalls ist das gar nicht so einfach.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch wei\u00df, Mom\u201c, unterbrach ich sie. Ich wollte nicht so hart klingen, aber ich sp\u00fcrte schon wieder das altbekannte Gef\u00fchl des Erstickens aufkommen. Mit jedem Wort, das sie sprach, raubte sie mir den Sauerstoff zum Atmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWir wollen doch nur dein Bestes. Und Kristin ist heute extra fr\u00fcher gekommen. Du wusstest doch, dass sie die Videos mitbringt, damit-\u201c, meine Mutter stockte. Ihr fehlten die Worte, auch wenn wir beide wussten, was sie sagen wollte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Damit ich mich wieder erinnerte<\/em>, w\u00fcrde sie sagen. <em>Damit ich wieder die alte w\u00fcrde<\/em>, meinte sie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich hielt in meiner Bewegung inne, nahm einen tiefen Atemzug und drehte mich entschlossen um.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eNichts wird jemals wieder wie fr\u00fcher werden\u201c, sagte ich erschreckend ruhig und sah ihr dabei tief in die Augen. Wir hatten dieselbe Augenfarbe. Nein, sie und Elisabeth hatten dieselbe Augenfarbe, sogar denselben Ausdruck.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eD-das wei\u00df ich\u201c, entgegnete sie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eNein.\u201c Ich musste unweigerlich lachen. \u201eNein, das wei\u00dft du nicht. Du glaubst es vielleicht, redest es dir Tag f\u00fcr Tag ein, aber insgeheim hoffst du, hoffen doch alle hier, dass ich mir irgendetwas ansehe, irgendwo hingehe und Peng, die Erinnerungen sind wieder zur\u00fcck und alles ist wie fr\u00fcher.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mit schnellen Schritten verlie\u00df ich das beengte Badezimmer. Erschrocken wich meine Mutter mir aus und ihre H\u00e4nde griffen wieder nach dem Seidenschaal.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eAber das wird nicht so sein und ich kann auch gar nicht glauben, dass ihr das wollt!\u201c Ich hatte die letzten Worte geschrien. Mein Herz begann immer schneller zu schlagen und meine Kehle verengte sich. Ich w\u00fcrde jetzt keine Panikattacke bekommen. Nein, das w\u00fcrde ich nicht zu lassen!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eAlles ok bei euch?\u201c, h\u00f6rte ich die Stimme meiner Schw\u00e4gerin, begleitet von eiligen Schritten. Keinen d\u00fcnnen Atemzug sp\u00e4ter erschien sie im T\u00fcrrahmen und be\u00e4ugte mich und meine Mutter skeptisch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWas ist hier los?\u201c, fragte sie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWas hier los ist?\u201c, wiederholte ich ihre Frage beinahe hysterisch. \u201eDas ist eine sehr gute Frage Kristin. Was. Ist. Hier. Eigentlich. Los. Dann will ich dich doch mal erleuchten, liebe Schw\u00e4gerin. Ich habe mich gerade mit meiner sorgenvollen Mutter dar\u00fcber unterhalten, wie ihr doch alle nur mein Bestes wollt. Dass ich mich erinnere, dass ich wieder die alte werde, dass alles wieder gut wird. Aber keiner kann mir sagen, wie das gehen soll. Kannst du es, Kristin?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Kristin \u00f6ffnete den Mund, sagte aber nichts. Konnte nichts sagen. Was sollte man auch sagen? Betreten wandte sie den Blick ab und schaute zu Boden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDachte ich mir. Ist euch vielleicht schon mal der Gedanke gekommen, dass ich mich nicht erinnern will?\u201c Da. Es war raus. Ich hatte es gesagt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eElisabeth!\u201c Meine Mutter war schockiert. Ihr ganzes Erscheinungsbild bebte im Echo dieser Aussage. \u201eWie kannst du so etwas sagen. Das ist nicht fair.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eNein, Mom. Nichts an alledem ist fair. Oder ist es fair, dass ihr wollt, dass ich mich erinnere, nur um dann vor Schmerz zu vergehen? Ihr m\u00fcsstet es doch am besten wissen, so wie Eric und ich uns geliebt haben, oder nicht?\u201c Herausfordernd sah ich erst zu Kristin und dann zu meiner Mutter. Keiner von beiden wagte es auch nur ein Wort zu sagen. Die aufkommende Panik in meinem inneren war verebbt und mit ihr schwand auch meine Rage. Ersch\u00f6pft lie\u00df ich mich auf die Bettkante fallen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch will nur\u201c, begann ich, doch fand ich nicht die richtigen Worte oder die Kraft oder Beides, um den Satz sofort zu beenden. So verstrichen einige Augenblicke in absoluter Stille. Nur der Klang des Radios hallte leise aus der K\u00fcche die Treppe hinauf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch will einfach nur, dass alle aufh\u00f6ren, so zu tun als ob sie w\u00fcssten, wie es mir geht oder was das Beste f\u00fcr mich w\u00e4re. Ich bin n\u00e4mlich hier. Genau hier. Aber ich bin nicht mehr die Elisabeth von fr\u00fcher und selbst wenn ich mich erinnern k\u00f6nnte, w\u00fcrde es daran nichts \u00e4ndern.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich stand im Badezimmer und starrte mein Spiegelbild an. Die Augen der jungen Frau, die zur\u00fcckblickte, wirkten m\u00fcde und waren von dunklen Schatten untermalt. Sie war blass. Daran konnte auch das aufgetragene Make-up nichts \u00e4ndern. Das schwarze Kleid tat sein \u00fcbriges.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In meinen H\u00e4nden hielt ich die Plastikt\u00fcte aus dem Drogeriemarkt. Mit leicht zittrigen Fingern holte ich die Packung Haarf\u00e4rbemittel heraus und betrachtete das Bild des Covermodels. <em>Dark chocolate mousse<\/em> nannte sich der Farbton f\u00fcr den ich mich entschieden hatte. Aber im Prinzip war es Dunkelbraun. Erneut sah ich die junge Frau im Spiegel an und f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde hatte ich den Eindruck, sie nickte mir zu. Ganz so als g\u00e4be sie mir ihr Einverst\u00e4ndnis f\u00fcr mein Vorhaben. Wir waren uns einig, die alte Elisabeth und ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Fahrt zur St. James Kirche dauerte ungef\u00e4hr eine halbe Stunde. Aber da niemand etwas sagte, f\u00fchlte es sich wie eine halbe Ewigkeit an. Kristin fuhr und tat dementsprechend konzentriert. Sie f\u00fchrte den Schulterblick \u00fcberkorrekt aus, blinkte f\u00fcr jeden noch so kurzen Spurwechsel und selbst im R\u00fcckspiegel trafen sich unsere Blicke nicht. Meine Mutter sah abwesend aus dem Fenster und auch wenn meine Schwester bei dem Streit nicht zugegen gewesen war, musste man ihr davon berichtet haben. Ihre Miene war hart und anklagend. Die Augenbrauen beinahe chronisch erhoben und die Lippen angespannt zusammen gepresst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich konnte mich nat\u00fcrlich irren. Immerhin waren wir auf dem Weg zu Erics Beerdigung und er hatte allen Insassen dieses Wagens sehr viel bedeutet. Vielleicht k\u00e4mpften sie einfach nur mit ihrer Trauer, mit der Endg\u00fcltigkeit seines Todes, die seine Beisetzung offiziell besiegelte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Letztendlich \u00e4nderte es nichts an der tiefen Schlucht, die ich zwischen mir und den Menschen um mich herum versp\u00fcrte. Doch mittlerweile war mir klar geworden, dass diese Kluft auch nicht durch zur\u00fcckehrende Erinnerungen \u00fcberbr\u00fcckt werden konnte. Denn das, was ich zu William in der Kirche gesagt hatte, war die Wahrheit gewesen. Elisabeth war gemeinsam mit ihrem Ehemann verstorben. Sie selbst war nur noch eine Erinnerung, ein Schatten, der sich ein Leben lang selbst hinterher jagen w\u00fcrde, wenn ich es zulie\u00df. Und deshalb erschien es mir beinahe l\u00e4cherlich selbstverst\u00e4ndlich, dass auch Elisabeth ihre letzte Ruhe verdiente. Nicht Erics Bestattung w\u00fcrde mir den ersehnten inneren Frieden bringen, sondern ihre.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Meine Gro\u00dfmutter hatte immer gesagt, dass kaum etwas die Menschen so sehr miteinander verband, wie die Liebe. Heute hatte ich gelernt, dass es noch etwas anderes gab \u2013 Trauer. Die kleine Kirche am Rande der Stadt war bis zum letzten Platz gef\u00fcllt. Selbst hinter den Sitzreihen standen unz\u00e4hlige Menschen, die Eric Maiden die letzte Ehre erweisen wollten. So viele traurige Gesichter, so viele Tr\u00e4nen und ein Meer aus Schwarz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Links auf dem Altar stand ein gro\u00dfes Bild von Eric. Er trug einen Anzug und l\u00e4chelte schief in die Kamera. Daneben ein gro\u00dfer Strau\u00df wei\u00dfer Lilien und zwei wei\u00dfe, dicke Kerzen. Rechts lag ein riesiger Trauerkranz aus wei\u00dfen und roten Rosen. Eine elfenbeinfarbene Sch\u00e4rpe umwickelte ihn und in goldenen Lettern hatte seine Familie von ihm Abschied genommen und geschworen, ihn niemals zu vergessen. Seine Eltern sa\u00dfen in der ersten Reihe rechts. Ich sp\u00fcrte ihre Blicke zentnerschwer auf mir lasten. Also vermied ich es, sie anzusehen. Es gab ohnehin nichts, dass ich h\u00e4tte tun oder sagen k\u00f6nnen. Stattdessen starrte ich Erics Foto an. Wie konnte es sein, dass das Gehirn jemanden einfach ausl\u00f6schen konnte? Jemanden, mit dem man viele Jahre jeden Tag verbrachte hatte, dessen allerkleinste Angewohnheit man kannte? Jemanden, der so sehr zu einem geh\u00f6rte, als w\u00e4re man miteinander verwachsen? Wie konnte es sein, dass sich beim Anblick seines Abbildes nichts in mir regte? Kein Gef\u00fchl. Kein Geruch. Nicht mal ein D\u00e9j\u00e0-vu. Unweigerlich wanderte mein Blick Richtung William. Er stand links in der T\u00fcr zu den B\u00fcror\u00e4umen des Pastors. Seine Augen waren geschlossen und seine H\u00e4nde gefaltet. Ich musste, wie so oft, an unser Gespr\u00e4ch zur\u00fcck denken und ein anderer Gedanke kam mir in den Sinn. Vielleicht war ich ja schon l\u00e4ngst in der H\u00f6lle?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es war ein sch\u00f6ner Gottesdienst gewesen, sofern man von sch\u00f6n in Anbetracht der Situation sprechen konnte. Pastor Clemens hatte eine passende Bibelstelle zitiert und sich sehr taktvoll mit dem Thema des Neubeginns, welcher in jedem Ende steckte, auseinander gesetzt. Kristin hatte ebenfalls ein paar Worte gesagt, begleitet von stummen Tr\u00e4nen, die ihr unentwegt \u00fcber die Wangen liefen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Jetzt standen wir alle um Erics Grab herum. \u00dcber dem aufgebockten Sarg lag eine Decke aus wei\u00dfen Rosen. Davor stand der Trauerkranz \u2013 die Sch\u00e4rpe wehte leicht im Wind. Das Wetter hatte sich dem traurigen Anlass angepasst. Der Himmel war wolkenverhangen, bereit, jede Sekunde mit uns um den Verlust von Eric Maiden zu weinen. Auch die Trauerweiden, die den Friedhof umgaben, schienen ihre Ranken heute noch tiefer h\u00e4ngen zu lassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich hatte aufgeh\u00f6rt die H\u00e4nde zu z\u00e4hlen, die ich sch\u00fcttelte. Auch die Kondolenzworte nahm ich nicht wahr, nickte einfach mechanisch. Alles, was ich tun konnte, war dem Sarg dabei zuzusehen, wie er langsam in dem dunklen tiefen Loch versank. Zentimeter f\u00fcr Zentimeter, bis selbst die letzte Rose g\u00e4nzlich aus meinem Blickfeld verschwunden war und es schien mir, als h\u00e4tte er s\u00e4mtliche Luft zum Atmen mit sich fort genommen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEntschuldigt\u201c, murmelte ich und wandte mich von der Menge ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eElisabeth?\u201c, rief meine Mutter mir nach.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eLass mich, Mom.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich brauchte Abstand. Abstand und Sauerstoff. Mit unsicheren Schritten entfernte ich mich von den Trauernden und Erics Grab. Mir wurde schwindelig und das Atmen fiel mir schwer. Ich w\u00fcrde nicht viel weiter gehen k\u00f6nnen, bevor mich die Panik g\u00e4nzlich eingeholt hatte und die Kontrolle \u00fcbernehmen w\u00fcrde. Durch tanzende Lichtpunkte erkannte ich eine Bank in einigen Metern Entfernung. Wie ein Ertrinkender sich versuchte ans Ufer zu retten, k\u00e4mpfte ich mir meinen Weg zu dieser Bank. Ich stolperte \u00fcber die Unebenheiten der Wiese, musste mich an Grabsteinen st\u00fctzen und war nassgeschwitzt, als ich mich endlich keuchend hinsetzen konnte. Es rauschte in meinen Ohren und mein K\u00f6rper bebte. Ich musste mich beruhigen, mich auf meine Atmung konzentrieren. Also nahm ich meinen Kopf zwischen meine Beine, versuchte den Klang meines donnernden Herzens auszublenden und mich nur auf das Heben und Senken meines Brustkorbs zu konzentrieren. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEs hilft mehr, wenn Sie sich aufrichten und die Arme \u00fcber den Kopf heben\u201c, erklang eine mir vertraute Stimme.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich hatte gar nicht bemerkt, dass jemand gekommen war. Ich sp\u00fcrte, wie William sich neben mir auf der Bank nieder lie\u00df. <br \/>\u201eWoher\u2026\u201c, begann ich meine Frage.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch mag vielleicht blind sein, aber meine \u00fcbrigen Sinne funktionieren noch einwandfrei. Ich kann das Ger\u00e4usch ihrer Atmung h\u00f6ren und das leise Fl\u00fcstern ihrer Anleitung zur Ruhe.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Langsam richtete ich meine Haltung auf und \u00f6ffnete die Augen. Ich horchte einen Moment in mich hinein, vernahm, dass mein Herzschlag immer noch beschleunigt, die Panik aber erloschen war. Also nahm ich einen tiefen, pfeifenden Atemzug.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eSind sie weg?\u201c, fragte ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWas glauben Sie?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eBl\u00f6de Frage.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>William und ich sa\u00dfen eine Weile schweigend nebeneinander. Die Panikattacke hatte ganz sch\u00f6n an meinen Kr\u00e4ften gezerrt und ich begann zu frieren. Unweigerlich stellte ich den Kragen meines Mantels auf und vergrub mein Gesicht darin. Bevor William die Gelegenheit nutzen konnte, mich zu fragen, ob wir ins Warme gehen wollten, ergriff ich das Wort.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch kann jetzt nicht rein gehen\u201c, sagte ich resigniert. \u201eGeschlossene R\u00e4ume ertrage ich jetzt nicht. Es ist einfach zu viel.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>William nickte stumm.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eTee?\u201c, erwiderte er daraufhin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich sah ihn fragend an, obgleich ich wusste, dass er meinen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch k\u00f6nnte Ihnen auch noch Kaffee anbieten, wobei mich dieses hochmoderne Ger\u00e4t immer wieder aufs Neue herausfordert.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich schmunzelte leicht. \u201eTee w\u00e4re sch\u00f6n.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mit zunehmend sp\u00e4ter werdender Stunde sanken die Temperaturen. Ich wollte, nein konnte nicht rein gehen. Wenn William ebenfalls fror, so lie\u00df er es sich nicht anmerken. Wir sa\u00dfen noch immer auf der Bank auf dem Friedhof, jeder von uns eine kleine metallene Tasse mit mittlerweile nicht mehr ganz so hei\u00dfem Hagebuttentee in der Hand. Ich konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, aber vor einer Weile hatte auch das letzte Auto den Parkplatz der Kirche verlassen, was mich vermuten lie\u00df, dass meine Mutter und Schwester nun endlich gegangen waren. Keiner hatte auch nur versucht, uns aufzusuchen, aber sie waren noch hier gewesen und hatten uns beobachtet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWilliam\u201c, begann ich, w\u00e4hrend ich die Tasse fester umklammerte, \u201eich w\u00fcrde Sie gerne um etwas bitten.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Er wandte mir sein Gesicht zu und nickte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEs mag Ihnen\u201c, ich wusste nicht, wie ich es ausdr\u00fccken sollte, \u201egrotesk vorkommen. Ja vielleicht sogar falsch. Keine Sorge, Sie machen sich nicht strafbar.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Er l\u00e4chelte mild und t\u00e4tschelte leicht mein Knie. Ich war immer noch beeindruckt, wie gut er Dinge lokalisieren konnte, ohne die F\u00e4higkeit zu Sehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch m\u00f6chte, dass Sie mich beerdigen.\u201c Ausgesprochen klang das so falsch in meinen Ohren. \u201eAlso nicht wirklich. Ich lebe ja, aber\u2026\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch wei\u00df schon\u201c, entgegnete William ruhig. \u201eSie leben, aber Elisabeth nicht mehr.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich nickte abwesend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch habe jetzt sehr viel dr\u00fcber nachgedacht und es erscheint mir als die einzige M\u00f6glichkeit weiterzumachen. Ich kann es schlecht erkl\u00e4ren. Es ist so ein Gef\u00fchl in mir, dass mich dazu dr\u00e4ngt.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich hielt einen Moment inne.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eAls w\u00e4re es Elisabeth selbst\u201c, fl\u00fcsterte ich. \u201eAls h\u00e4tte sie keine Kraft mehr und ich\u2026 ich habe nicht genug Kraft f\u00fcr uns beide.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>William blickte gerade aus. Er hielt seinen Tee in seiner linken Hand, die andere ruhte auf seinem Knie. W\u00e4hrend ich ihn beobachtete, fragte ich mich, wie viele Geheimnisse er wohl schon mit sich trug? Wie viele Menschen zu ihm gekommen waren, verzweifelt, traurig, vielleicht sogar des Lebens m\u00fcde?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eSie werden fortgehen?\u201c Es war mehr eine Feststellung, denn eine Frage.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch kann nicht hier bleiben. Ich geh\u00f6re hier nicht hin. Nicht mehr.\u201c Betreten betrachtete ich den Tee in meinem Becher. Durch die herannahende Dunkelheit und die fehlende Beleuchtung, wirkte die Fl\u00fcssigkeit beinahe schwarz. \u201eIch kann nirgendwo hingehen, ohne die beiden zu sehen. Ich kann nicht zum Fluss, nicht in die Stadt. Ich kann nicht einmal morgens aufwachen, ohne von ihnen umgeben zu sein. Ich werde heimgesucht, aber nicht nur von einem Geist, sondern von einem ganzen Leben. Und alle sehen mich an und sehen mich doch nicht. Sie sehen entweder nur das, was mal war oder was sie hoffen, dass wieder sein wird. Aber ich\u2026\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich konnte nicht weitersprechen und hoffte, dass ich das auch nicht musste. Hoffte, dass William mich auch so verstand.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eUnd wenn die Erinnerungen zur\u00fcckkommen?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Diese Frage hatte ich mir selbst auch schon gestellt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDann hoffe ich, dass ich sie wie einen alten Freund begr\u00fc\u00dfen kann.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Landschaft zog in grauen Schleiern an mir vorbei. Der Schnellzug fuhr ebenm\u00e4\u00dfig in hoher Geschwindigkeit. In weiter Entfernung sah ich die Sonne, wie sie sich ihren Weg durch die Wolkendecke bahnte. Sie w\u00fcrde es nicht leicht haben. Der Himmel glich einer Betonwand \u2013 undurchdringlich und finster. Aber allein der goldene Schimmer, der sich immer weiter ausbreitete, versicherte mir, dass sie es schaffen w\u00fcrde. Das Grau w\u00fcrde hellem Licht weichen und ihre W\u00e4rme die K\u00e4lte ausmerzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Obwohl der Anblick eher trostlos war, schaute ich weiter aus dem Fenster. Mein Herz schlug schnell in meiner Brust, aber es be\u00e4ngstigte mich nicht. Ganz im Gegenteil. Jeder Herzschlag glich einer Einladung und pumpte pures Leben durch meine Adern. Es war nicht so, dass ich keine Angst hatte \u2013 ganz im Gegenteil \u2013 aber ich hatte das schwere Gep\u00e4ck der Vergangenheit hinter mir gelassen. Wie ein K\u00fcnstler, der ein Gem\u00e4lde fertig gestellt hatte, sa\u00df ich nun vor einer neuen, leeren Leinwand. Geleitet einzig von der Inspiration, von Neugier, vom Glauben an Wunder.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Abschied war mir \u00fcberraschend schwergefallen. Nicht nur von meiner Familie, sondern auch von Elisabeth. Die Tr\u00e4nen, die ich bei ihrer Beerdigung vergossen hatte, waren echt gewesen. Entgegen meines urspr\u00fcnglichen Plans hatte ich meine Familie in mein Vorhaben eingeweiht und entgegen meiner Erwartungen waren sie alle zu Elisabeths Beisetzungen gekommen. Sogar meine Schwiegermutter. Wenn ich jetzt so daran zur\u00fcckdachte, hatte es allen gleicherma\u00dfen Frieden gebracht, sich von Elisabeth zu verabschieden und somit mit dem tragischen Ereignis, dass so viele Leben ver\u00e4ndert hatte, abzuschlie\u00dfen. Auch hatte niemand wirklich versucht, mich aufzuhalten, obwohl ich sehen konnte, wie sehr es meiner Mutter das Herz brach, als ich in den Zug gestiegen war. Sie wusste genauso gut wie ich, dass ich nicht zur\u00fcckkehren w\u00fcrde. Dennoch versuchte sie nicht, mich aufzuhalten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich konnte das Gewicht der Todesanzeige f\u00fcr Elisabeth in meinem Rucksack sp\u00fcren. Aber es f\u00fchlte sich nicht wie eine unertr\u00e4gliche Last an. Nein, es war eher so, als erdete es mich, erinnerte mich daran zu tr\u00e4umen, aber trotzdem mit einem Bein auf dem Boden zu bleiben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich war mir immer noch nicht sicher, ob mich mein Weg letztendlich dem Himmel oder der H\u00f6lle n\u00e4herbrachte, aber ich hatte mir Williams Worte sehr zu Herzen genommen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Abgerechnet wurde am Ende und mein Ende war offensichtlich noch nicht gekommen.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sa\u00df nun schon seit knapp zwei Stunden an diesem Schreibtisch. An diesem Schreibtisch direkt vor dem Fenster. Dem Fenster mit dem Ausblick ins Gr\u00fcne. Dichte, sattgr\u00fcne Nadelb\u00e4ume, soweit das Auge aus diesem Winkel sehen konnte. Vor mir ein Wust aus Papieren, gepaart mit einer Tasse Kaffee, der bereits kalt war, einem \u00fcberf\u00fcllten Aschenbecher, in dem eine weitere Zigarette vor sich hin qualmte und einem Kugelschreiber, den ich so fest zwischen meinen Fingern hielt, dass meine Kn\u00f6chel schmerzten. Ich starrte auf das Foto auf der Fensterbank, w\u00e4hrend ein stumpfes Pochen in meinem Kopf an Kraft gewann. Die Frau auf dem Foto, mit den langen kupferfarbenen Haaren und der grauen Strickm\u00fctze, sah dem Mann, der einen Arm locker um ihre Schultern gelegt hatte, an, als g\u00e4be es nur die beiden. Sonst niemanden. Er war ein gutaussehender Mann. Dunkelbraunes, leicht gelocktes Haar. Einen charismatischen Dreitagebart und den Blick verschmitzt auf ihre Lippen gerichtet. Sie liebten sich. Das war ganz eindeutig. Und sie wussten um die Liebe des jeweils anderen, vertrauten darauf ohne Zweifel. Auch das konnte man sehen, ja beinahe sp\u00fcren. Der zunehmende Schmerz in meinem Kopf holte mich in die Realit\u00e4t zur\u00fcck. In die Realit\u00e4t, in der ich die Frau auf diesem Foto war. Elisabeth Maiden. Zusammen mit meinem Ehemann. Eric Maiden. Eric Maiden, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Einem Unfall, den ich \u00fcberlebt und daf\u00fcr mit meinem Ged\u00e4chtnis bezahlt hatte. \u201eOh Gott\u201c, hauchte ich, lie\u00df den Stift fallen und presste beide H\u00e4nde an meine Schl\u00e4fen. Ich sp\u00fcrte ein beklemmendes Gef\u00fchl in meiner Brust. Das Atmen fiel mir schwer und mein Puls beschleunigte sich, jagte mir Stromst\u00f6\u00dfe durch den Kopf. \u201eOh Gott\u201c, wiederholte ich flehend. Ich muss mich doch erinnern, dachte ich. Da muss doch irgendetwas sein. Schwei\u00df brach auf meiner Stirn aus und ich musste mit dem B\u00fcrostuhl Abstand zum Schreibtisch nehmen, um mich nach vorn \u00fcber zu beugen und den Kopf zwischen meine Knie zu klemmen. Das half zwar nicht gegen den Kopfschmerz, sorgte aber daf\u00fcr, dass ich mich beruhigte und wieder atmen konnte. \u201eEins\u201c, z\u00e4hlte ich laut und nahm einen tiefen Atemzug, \u201ezwei. Drei. Vier. F\u00fcnf.\u201c Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Tiefe Atemz\u00fcge. Bis in den Bauch. Nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit beruhigte sich mein Herzschlag und ich traute mich meine Haltung etwas aufzurichten, die Arme fest an den Oberk\u00f6rper gepresst, die H\u00e4nde zu F\u00e4usten geballt auf meinem Brustkorb. Einatmen. Ausatmen. Erneut blickte ich auf das Foto. Das Foto von Elisabeth und Eric. Von mir und meinem Mann, an den ich mich nicht erinnern konnte und der jetzt tot war. Das Foto, geschossen in einem Leben, von dem ich nichts mehr wusste und das nun vorbei war. Unweigerlich sah ich auf die Unterlagen, die vor mir ausgebreitet waren. Brosch\u00fcren von Bestattungsunternehmen, Krankenhausrechnungen und Informationen diverser Versicherungen. Ein geliebter Mensch geht nie ganz. Ein Teil bleibt\u2026 Abschied nehmen und Trauern \u2013Schritte, die Sie nicht allein gehen m\u00fcssen\u2026 Bilder von Engeln, einsamen Wegen, Lichtstrahlen und weiten Feldern dekorierten Angebote f\u00fcr kosteng\u00fcnstige Beerdigungen jeglicher Art. Allesamt versuchten sie piet\u00e4tvoll zu sein, Anteil zu nehmen und gleichzeitig wirtschaftlichen Ertrag zu erzielen und Kunden zu gewinnen. Ein geliebter Mensch\u2026 Trauern. Ich hatte Eric geliebt \u2013 so sagten es alle. Deshalb sollte und durfte ich trauern \u2013 dies sagten auch alle. Und das tat ich auch, trauern. Irgendwo tief in mir. Ich sp\u00fcrte die Traurigkeit durch meine Adern kriechen und sich an mich h\u00e4ngen, wie eine Eisenkugel am Fu\u00dfgelenk. Aber so sehr ich mich auch bem\u00fchte, so sehr ich es wollte, ich konnte diese Trauer nicht mit Eric in Verbindung bringen. Dem Mann, der seinen Arm locker und doch bestimmt um meine Schultern gelegt hatte und den ich irgendwann ein Mal so angesehen hatte, als w\u00e4re er das Zentrum des Universums f\u00fcr mich. *** Am n\u00e4chsten Morgen erwachte ich mit demselben Gef\u00fchl, wie an den Morgen davor. Wie an jedem Morgen seit dem Unfall. Ich wachte abrupt auf und riss meine Augen auf. Die Eindr\u00fccke prasselten wie in einem Kurzfilm sogleich auf mein vom Schlaf noch benebeltes Gehirn ein. Ich hatte einen Autounfall gehabt. Wir hatten einen Autounfall gehabt. Ich und mein Mann Eric. Auf der Zubringerstra\u00dfe zum Freeway, an der Kreuzung direkt hinter der Kurve. Ein Lastwagen hatte es aufgrund der Wetterverh\u00e4ltnisse nicht mehr geschafft, rechtzeitig zum Stehen zu kommen und uns in den Gegenverkehr geschoben. Dort waren wir frontal mit einem Minivan zusammengeprallt. Eric war noch am Unfallort verstorben. Ich war f\u00fcr vier Tage in ein k\u00fcnstliches Koma versetzt worden und hatte \u00fcberlebt. Die Insassen des Minivans waren ebenfalls alle verstorben, ebenso der Lastwagenfahrer. Das hatte man mir erz\u00e4hlt. Hatten sie mir erz\u00e4hlt \u2013 meine Familie, meine Freunde. Alle tot \u2013 au\u00dfer mir. Ich hatte \u00fcberlebt. Ein Wunder hatten sie es genannt. Ich w\u00fcrde leben. Ein Leben, das mir so fremd war, als geh\u00f6rte es mir nicht. Retrograde Amnesie hatte der Arzt festgestellt. Die erste klare Erinnerung nach dem Unfall. \u201eMrs. Maiden\u201c, versuchte der Arzt in empathischem Tonfall zu vermitteln, der seine professionelle Distanziertheit aber nicht g\u00e4nzlich \u00fcberdecken konnte, \u201eleider muss ich Ihnen mitteilen, dass der Unfall Teile ihres Gehirns schwer besch\u00e4digt hat. Man spricht von einer retrograden Amnesie, wenn Betroffene sich nicht mehr oder nur teilweise an Dinge aus ihrem Leben vor dem sch\u00e4digenden Ereignis erinnern k\u00f6nnen.\u201c \u201eUnd das hei\u00dft?\u201c, hatte ich panisch gefragt. Im Hintergrund das gleichm\u00e4\u00dfige Piepen der Kontrollmonitore. \u201eGeht das wieder weg? Wann kann ich mich wieder erinnern?\u201c \u201eDas kann man nicht mit Bestimmtheit sagen. Retrograde Amnesien verlaufen sehr unterschiedlich.\u201c \u201eUnd was hei\u00dft das?\u201c, wiederholte ich meine Frage nun aufgebrachter. Der Raum f\u00fchlte sich klein an, eng und \u00fcberf\u00fcllt. \u201eMrs. Maiden, es ist wichtig, dass Sie ruhig bleiben\u201c, versuchte der Arzt beschwichtigend auf mich einzureden. \u201eSie m\u00fcssen jegliche Form von Stress vermeiden, wenn Sie ihre Erinnerungen zur\u00fcck erlangen wollen.\u201c \u201eIch soll mich beruhigen?\u201c, keuchte ich. Dies war das erste Mal, dass ich eine Panikattacke bekam. \u201eWie soll ich mich beruhigen? Ich habe einen Unfall gehabt, an den ich mich nicht erinnere! Bei dem mein Mann gestorben ist, an den ich mich auch nicht erinnere! In meinem Kopf herrscht pures Chaos und alles in meinem K\u00f6rper schreit, dass ich keinen Tag \u00e4lter als 20 sein kann! Trotzdem steht auf meinem Krankenblatt, dass wir 2016 haben, was bedeutet, dass ich 31 Jahre alt bin. Und ich kann mich nicht daran erinnern.\u201c Mir blieb die Luft weg. Mein Brustkorb hob und senkte sich und doch sp\u00fcrte ich keinen Sauerstoff in meinen Lungen. \u201eIch kann mich nicht erinnern\u2026 Ich kann mich nicht erinnern\u2026\u201c, brachte ich nach Atem ringend hervor. Wieder im hier und jetzt angekommen, rollte ich mich auf die Seite, zog die Knie an meine Brust und versuchte das Gef\u00fchl der aufkommenden Beklemmung zu unterdr\u00fccken. Ich war jetzt seit zwei Wochen wieder zu Hause. Zu Hause. Es gelang mir mittlerweile besser, die aufsteigende Panik zu bek\u00e4mpfen und mich trotzdem aufzurichten und das Bett zu verlassen. Auch der Blick in dem gro\u00dfen Spiegel im Badezimmer f\u00fchrte nicht mehr zu einem Schock. Die Augen dieser Elisabeth hatten nichts mehr mit denen der Frau von dem Foto im B\u00fcro gemeinsam. Sie waren irgendwie dunkler und wirkten leer. Auch das kupferfarbene Haar reichte mir nur noch bis zum Kinn, eine Stelle war f\u00fcr eine OP kahl rasiert worden. Mein linkes Auge erbl\u00fchte noch in leichten Gr\u00fcn- und Gelbt\u00f6nen, genau wie die Striemen, die mein Anschnallgurt hinterlassen hatte. Ich w\u00fcrde immer eine Narbe von der Platzwunde an meiner linken Augenbraue zur\u00fcckbehalten. Aber was war schon eine Narbe? Ich w\u00fcrde leben. In der K\u00fcche traf ich auf dasselbe Bild, wie an jedem anderen Morgen seit ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Meine Mutter, meine Schwester Jamie und meine Schw\u00e4gerin Kristin sa\u00dfen gemeinsam an dem gro\u00dfen Tisch im Esszimmer. Alle drei jeweils einen gro\u00dfen Pott Kaffee in der Hand, in ein leises Gespr\u00e4ch vertieft, dass jedes Mal verstummte, sobald ich die Treppe hinunterkam. \u201eGuten Morgen, Liebes\u201c, begr\u00fc\u00dfte mich meine Mutter. Ihre Stimme, genau wie ihre Augen, voll Kummer und Mitleid. \u201eHast du schlafen k\u00f6nnen?\u201c Ich nickte stumm. \u00dcberraschenderweise hatte ich mit dem Schlafen keine Probleme. Es war das Aufwachen, welches mich belastete. \u201eM\u00f6chtest du etwas essen, Lizzy?\u201c, fragte Kristin behutsam. \u201eIch wollte gleich zu Zimmys fahren und ein paar Bagels holen.\u201c Ich stockte kurz und konnte den Blick nicht von ihr nehmen. Kristin sah aus wie ihr Bruder. Dasselbe nussbraune Haar und diesen verschmitzten Ausdruck um die Augen. Auch bei all der Traurigkeit, die ihr ins Gesicht geschrieben stand. Man hatte mir gesagt, dass die beiden keine Zwillinge gewesen waren. Eric war drei Jahre \u00e4lter als Kristin. \u00c4lter gewesen. Und dennoch war die \u00c4hnlichkeit nicht zu leugnen. \u201eElisabeth?\u201c, holte meine Mutter mich aus meinen Gedanken. \u201eEntschuldige\u201c, erwiderte ich und r\u00e4usperte mich. \u201eJa, ich denke, ich h\u00e4tte gerne einen -\u201c \u201eBagel mit Rosinen\u201c, beendete Kristin meinen Satz f\u00fcr mich und l\u00e4chelte unsicher. \u201eDie isst du am liebsten.\u201c \u201eJa. Richtig.\u201c Es herrschte ein Moment unangenehmen Schweigens, bevor Kristin sich erhob und auf mich zu kam. \u201eGlaub mir\u201c, sagte sie und ber\u00fchrte mich am Arm. \u201eDeine Erinnerungen werden schon noch zur\u00fcck kommen.\u201c Diesmal versuchte sie ihrem L\u00e4cheln eine hoffnungsvolle Note zu verleihen, was ihr nur bedingt gelang. Dann ging sie in die K\u00fcche, nahm ihre Handtasche von der Anrichte und ging Richtung Hinterausgang. \u201eFalls euch noch etwas einf\u00e4llt, ruft mich an. Bis gleich.\u201c \u201eAlles ok Schatz?\u201c, fragte meine Mutter beunruhigt. Eine seltsame Frage in Anbetracht der Gesamtsituation. \u201eJa\u201c, antwortete ich knapp. \u201eEs ist nur ein komisches Gef\u00fchl\u2026 dass sie so viel \u00fcber mich wei\u00df, wenn ich\u2026\u201c, ich konnte die letzten Worte nur schwer aussprechen, \u201eWenn ich nichts \u00fcber sie wei\u00df.\u201c Meine Mutter, genau wie meine Schwester, verzichtete auf Aufmunterungen oder Beschwichtigungen. Stattdessen sahen mich beide mit diesem Blick an, der, seitdem ich aus dem Koma aufgewacht war, mein stetiger Begleiter geworden war. Ein Blick, der vor Mitleid nur so triefte und mich in einen Mantel aus Armseligkeit h\u00fcllte. Ich hatte mich dazu entschlossen, mit den ganzen Unterlagen ins Esszimmer zu wechseln. Keine weitere Sekunde hielt ich es in diesem B\u00fcro aus. Ich hatte das Foto von der Fensterbank in eine Schublade gepackt und trotzdem war es mir nicht aus dem Kopf gegangen. Die Vertrautheit der beiden hing wie ein schweres Parf\u00fcm in der Luft. S\u00fc\u00df und penetrant. Und genau wie ein solcher Duft bereitete es mir Kopfschmerzen und mir war, als konnte ich die beiden aus der Schublade heraus h\u00f6ren. H\u00f6ren, wie sie kicherten und sich Liebesschw\u00fcre zufl\u00fcsterten. Hier im Esszimmer war es besser. Dies war der einzige Raum, in dem kein Foto der beiden hing. Nur Familienportraits und Bilder von Freunden. Nicht an alle Gesichter konnte ich mich erinnern. Bei einigen fehlte mir jegliche Erinnerung, bei anderen wusste ich nur gewisse Ereignisse nicht. Hochzeiten zum Beispiel. Geburten von Kindern oder Umz\u00fcge. Ich hatte die Entt\u00e4uschung aller gesp\u00fcrt, als das Betrachten alter Fotos rein gar nichts bewirkt hatte. Viel schlimmer waren jedoch die Gef\u00fchle, die alle versuchten zu verbergen. Die h\u00e4sslichen Gef\u00fchle, die ihre Daseinsberechtigung hatten, aber von denen keiner sich traute, sie laut auszusprechen. So wusste ich, dass meine Schwiegermutter sich fragte wieso ich \u00fcberlebt hatte und Eric nicht. Wieso ich nicht jeden Tag in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st in meinem Bett verbrachte, so wie sie es tat. So wie eine Witwe es tun sollte. Ich konnte es in ihren Augen lesen, in ihrem kalten H\u00e4ndedruck sp\u00fcren. Aber damit durfte ich mich jetzt nicht befassen. Ich musste Erics Beerdigung arrangieren. Seine Beisetzung war \u00fcberf\u00e4llig \u2013 f\u00fcr ihn und f\u00fcr all seine Angeh\u00f6rigen. Und ich wollte mich darum k\u00fcmmern. Es gab mir eine Aufgabe, etwas, wozu ich mein Ged\u00e4chtnis nicht brauchte. Ich konnte auch mit Amnesie bei einem Bestattungsunternehmen anrufen und Termine vereinbaren, \u00dcberweisungen t\u00e4tigen, einen Sarg und Trauerkr\u00e4nze ausw\u00e4hlen. Au\u00dferdem hatte ich das Gef\u00fchl, so wieder gut zu machen, dass ich ihn nicht vermisste. Ich konnte daf\u00fcr sorgen, dass er die letzte Ehre erhielt, die er laut aller Erz\u00e4hlungen mehr als verdiente und somit meine Pflicht als Ehefrau erf\u00fcllen, auch wenn ich keinerlei Verbundenheit zu ihm sp\u00fcren konnte. Stumme Tr\u00e4nen rannen mir \u00fcber die Wangen und tropften auf eine Brosch\u00fcre. 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