{"id":159,"date":"2020-03-31T20:52:16","date_gmt":"2020-03-31T20:52:16","guid":{"rendered":"http:\/\/story-board.de\/?p=159"},"modified":"2020-03-31T20:56:08","modified_gmt":"2020-03-31T20:56:08","slug":"irgendwann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/story-board.de\/?p=159","title":{"rendered":"Irgendwann"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-160 size-medium\" src=\"http:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Irgendwann-Cover-271x300.jpg\" alt=\"\" width=\"271\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Irgendwann-Cover-271x300.jpg 271w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Irgendwann-Cover-926x1024.jpg 926w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Irgendwann-Cover-768x849.jpg 768w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Irgendwann-Cover-1140x1260.jpg 1140w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Irgendwann-Cover.jpg 1241w\" sizes=\"(max-width: 271px) 100vw, 271px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vorsichtig fahre ich mit dem Schwamm \u00fcber mein Gesicht, verdecke die Schatten. Ein schwarzer Wimpernkranz f\u00fcr ausdrucksvolle Augen, ein tiefes Rot, f\u00fcr einen sinnlichen Mund und zartes Rouge auf den Wangen f\u00fcr Lebendigkeit. Ich streiche meine Haare ein wenig zur\u00fcck, richte meine Haltung auf und l\u00e4chele mich an. Die Frau im Spiegel ist \u00fcberzeugend, so wie immer. Schnell lasse ich die Utensilien, denen ich mein stumpf strahlendes Aussehen verdanke, in meiner Tasche verschwinden, streife mir den schwarzen Blazer \u00fcber und verlasse das Bad und sein grelles Neonlicht, bei dem man die Realit\u00e4t noch viel schwerer verstecken kann. W\u00e4hrend meine Schritte von den hohen W\u00e4nden zur\u00fcckhallen, h\u00f6re ich die anderen im Konferenzsaal reden. Sie sind rastlos, ungeduldig, angespannt. Sie warten. Auf mich. Als ich den Raum betrete, l\u00e4cheln alle \u2013 genauso falsch, wie die Frau vorhin im Spiegel.<\/p>\n<p>\u201eRebecca\u201c, erklingt die Stimme meines Vaters mit diesem salbenden Unterton, wie er ihn nur benutzt, wenn er eine Nachricht \u00fcberbringen muss, die nicht angenehm ist. Erst in Sicherheit wiegen und dann zuschlagen.<\/p>\n<p>\u201eRufus\u201c, erwidere ich die Begr\u00fc\u00dfung. Keine famili\u00e4re N\u00e4he, hier geht es ums Gesch\u00e4ft und das f\u00e4llt mir nicht schwer, denn es geht immer ums Gesch\u00e4ft. Wie es sich geh\u00f6rt, begr\u00fc\u00dfe ich auch alle anderen im Raum. Charles, unseren Chefsekret\u00e4r, Andrew, unseren Produktionsleiter und Sharon, unsere Betriebsanw\u00e4ltin. Sie sieht gut aus. Erholt und frisch. Der Urlaub scheint ihr gut getan zu haben und der Sex mit meinem Dad, aber das geh\u00f6rt nicht hier her. Jared, meinem Bruder, schenke ich ein neckisches Zwinkern, das er mit einem Gr\u00fcbchenl\u00e4cheln erwidert. Er sieht beinahe erwachsen aus, in seinem dunklen Armani-Anzug und dem elfenbeinfarbenen Hemde.<\/p>\n<p>\u201eWir haben das Wichtigste bereits besprochen\u201c, richtet sich mein Vater wieder an mich. \u201eSharon hat die Vertr\u00e4ge noch einmal durchgearbeitet und bereits in die jeweiligen Mappen verteilt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSehr gut\u201c, sage ich ruhig. Ich bin nicht nerv\u00f6s. Unser Angebot ist gut, unser Vertrag wasserdicht und die Fusion mit der Frazerschen Reederei im Grunde in trockenen T\u00fcchern. Carter Frazer ist ein t\u00fcchtiger Gesch\u00e4ftsmann.<\/p>\n<p>\u201eWie genau sieht der Tagesplan morgen aus?\u201c, forsche ich weiter. \u201eMr. Frazer und sein Sohn treffen morgen gegen 10 Uhr ein. Charles hat einen Catering Service beauftragt, der \u00fcbliche Smalltalk zwischen ein paar H\u00e4ppchen\u201c, erkl\u00e4rt mein Vater, seine Augen sind ruhig und irgendwie verschleiert.<\/p>\n<p>\u201eUm 10:30 Uhr beginnen wir mit der Pr\u00e4sentation und der Vertragsvorstellung. Jared ist gut vorbereitet-\u201c<\/p>\n<p>\u201eJared?\u201c, h\u00f6re ich mich irritiert fragen. Kaum merklich zuckt das linke Auge meines Vaters. \u201eJa\u201c, beginnt er nun mit bedachter Stimme, als redet er mit einer F\u00fcnfj\u00e4hrigen, der er beibringen will, dass sie noch zu klein ist, um bis Mitternacht aufzubleiben. \u201eWir haben eine kleine Plan\u00e4nderung angedacht. Sieh mal, du hast schon so viel f\u00fcr dieses Projekt getan und wir wollten dir diesen l\u00e4stigen Part abnehmen.\u201c<\/p>\n<p><em>Ruhig bleiben, Rebecca<\/em>, denke ich. Haltung bewahren.<\/p>\n<p>\u201eDen l\u00e4stigen Part?\u201c Ich sp\u00fcre ein Ungeheuer in meinem Magen heranwachsen. \u201eDas ist nicht dein Ernst. Ich habe dieses Projekt an Land gezogen. Ich habe das Konzept ausgearbeitet und jetzt soll ich den wichtigsten Teil nicht machen d\u00fcrfen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eRebecca!\u201c, herrscht mein Vater mich an. Da, sein Auge zuckt wieder, schneller. Er wird sauer. \u201eSei nicht kindisch. Dein Bruder-\u201c<\/p>\n<p>\u201eHat gar nichts damit zu tun\u201c, unterbreche ich ihn. \u201eEntschuldige, Jared.\u201c<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelt nur gequ\u00e4lt. Eine kalte Hand legt sich auf meinen Arm und jagt mir einen eisigen Schauer \u00fcber den R\u00fccken, der sogleich von hei\u00dfen Wellen vernichtet wird.<\/p>\n<p>\u201eDad\u201c, spreche ich ruhig, ignoriere die anderen um mich herum. \u201eDas kannst du nicht machen. Ich habe alles f\u00fcr diesen Deal gemacht, du kannst\u2026\u201c Ich stocke. Verdammt!<\/p>\n<p>Ich wollte Fassung bewahren, doch ich sp\u00fcre es verr\u00e4terisch in meiner Nase kribbeln und die Feuchtigkeit in meinen Augen.<\/p>\n<p>\u201eBecky\u201c, s\u00e4uselt mein Vater und zu der aufsteigenden Wut gesellt sich \u00dcbelkeit. Wie kann er es wagen, diesen Namen zu benutzen?<\/p>\n<p>\u201eSieh doch, das ist die Chance f\u00fcr deinen Bruder. So kann er sich endlich beweisen. Hm?\u201c<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde mich jetzt gern \u00fcbergeben, aber das tue ich nicht. Stattdessen rei\u00dfe ich mich von der toten Hand meines Vaters los und sehe ihm direkt in die Augen.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich\u201c, erwidere ich gefasst. \u201eSeine Chance.\u201c<\/p>\n<p>Ich spucke ihm die Worte entgegen, hoffe, dass sie ihn direkt ins Gesicht treffen und mache auf dem Absatz kehrt, um diesem erdr\u00fcckenden Raum zu entkommen. Die \u00dcbelkeit hat sich leise verkrochen, w\u00e4hrend ich in der brennenden Hitze die Stra\u00dfe hinunterlaufe. Stattdessen haben sich Hass und Wut bei mir eingehakt und begleiten mich auf meinen Weg in die erstbeste Bar. Es sind gef\u00fchlte 50 Grad, die untergehende Sonne leuchtet feuerrot und ich habe meine Sonnenbrille vergessen. Eigentlich hatte ich den Wagen nehmen wollen, doch das Laufen macht mich frei. Im Wagen w\u00e4re ich wohl geplatzt. Ich habe keine Ahnung, wo genau ich gerade lang gehe und es ist bereits fr\u00fcher Abend, aber ich muss weiter. Die Dem\u00fctigung treibt mich voran, weg von meinem Vater und dieser Farce. <em>Es ist seine Chance<\/em>, echot es in meinem Kopf. Ich liebe meinen kleinen Bruder, aber vom Gesch\u00e4ft hat er keine Ahnung. Er wei\u00df das und Dad auch. Ich habe mich stattdessen f\u00fcr die Reederei interessiert, einen glatten 1,0 Abschluss an der Wirtschaftsschule hingelegt und meinen Vater unterst\u00fctzt, wo ich nur konnte. Die Fusion mit den Frazers verdankt er allein mir. Ich brauche einen Scotch. Oder einen Whisky. Irgendwas Starkes, das in der Kehle brennt und die Gef\u00fchle in meinem Magen ertr\u00e4nkt. Ich habe schon lange nicht mehr getrunken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich links abbiege, l\u00e4chelt mich das buntleuchtende Schild eines Clubs an. <em>Absynthe Minded<\/em>. Die Leuchtreklame blinkt. Der Eingang liegt am Ende einer Treppe, die nach unten f\u00fchrt. Es scheint viel los zu sein. Ein paar Menschen stehen oben und rauchen. Also beschlie\u00dfe ich, hineinzugehen. Die W\u00e4rme nimmt zu, als ich durch die Glast\u00fcr des Clubs gehe. W\u00fcrzige Rauchschwaden, blauer Dunst und Musik sowie laute Stimmen und viele Menschen nehmen mich in Empfang. Ich hatte Recht. Es ist bereits einiges los und alle wirken viel zu fr\u00f6hlich, um mir und meiner Abscheu die richtige Gesellschaft zu bieten. Aber mir gef\u00e4llt das Ambiente. Dunkles Holz mit viel Glas. Und das Wichtigste: Keine verspiegelte Theke. Vielleicht ist es doch nicht so \u00fcbel. Die Hitze legt sich in einem Schwei\u00dffilm \u00fcber meine Haut und einzelne Haarstr\u00e4hnen aus meinem Zopf kleben in meinem Nacken. Ich werde eine S\u00fcnde begehen und Whisky mit Eis bestellen. Vielleicht auch noch ein paar Eisw\u00fcrfel extra. Mit einem Seufzen lasse ich mich auf den Barhocker nieder und betrachtete die beiden M\u00e4nner hinter der Theke. Gesch\u00e4ftig aber l\u00e4chelnd bedienen sie die G\u00e4ste, mixen Cocktails oder sp\u00fclen Gl\u00e4ser. Auch sie wirken so ekelhaft ausgeglichen, dass sich die \u00dcbelkeit direkt wieder an meine Seite begibt und einen Arm um mich legt. <em>Lang nicht gesehen<\/em>, sagt sie und grinst. \u201eHallo\u201c, richtet ein junger, blonder Barkeeper das Wort an mich. \u201eWas darf\u2019s f\u00fcr dich sein?\u201c \u201eEinen Ballantine\u201c, sage ich und ringe mir ein L\u00e4cheln ab, das in meinen Wangenknochen schmerzt. \u201eMit Eis, bitte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist eine S\u00fcnde\u201c, erklingt eine dunkle Stimme neben mir, begleitet von starken Armen und einem schwarzen Tablett.<\/p>\n<p>\u201eZwei Martini und einen Cosmo, Henry.\u201c Ich blicke in zwei stahlblaue Augen und einen dunklen Lockenschopf. Wei\u00dfe Z\u00e4hne blitzen mir neckisch entgegen und im ersten Moment wei\u00df ich nicht, ob ich sein L\u00e4cheln erwidern oder ihm das Tablett aus der Hand schlagen soll.<\/p>\n<p>\u201eUnd das, wo du wie ein Engel aussiehst\u201c, f\u00fcgt der Kellner hinzu. Tablett aus der Hand schlagen \u2013 definitiv. Aber ich beherrsche mich, denn Ignoranz wird diesen Kerl viel mehr st\u00f6ren, als ein Wutausbruch. Also drehe ich mich weg und nehme mein Getr\u00e4nk in Empfang. Gierig lege ich beide H\u00e4nde um das eiskalte Glas. Kurz schlie\u00dfe ich die Augen und genie\u00dfe die K\u00fchle. Doch lange h\u00e4lt dieser ruhige Moment nicht an, weil ich sp\u00fcre, dass ich immer noch angestarrt werde. Zwei Augen, die sich wie Pfeile in meinen Kopf bohren.<\/p>\n<p>\u201eWas?\u201c, zische ich und funkele den Kellner an.<\/p>\n<p>\u201eNichts\u201c, sagt er am\u00fcsiert, \u201eich frage mich nur, ob du ihn auch trinkst.\u201c<\/p>\n<p>Er nickt auf den Whisky in meinen H\u00e4nden.<\/p>\n<p>\u201eSonst h\u00e4tte ich ihn ja nicht bestellt, oder?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSiehst nicht aus, wie eine, die so hartes Zeug vertr\u00e4gt.\u201c<\/p>\n<p>Kurz bin ich versucht, das Glas in einem Zug zu leeren, besinne mich jedoch schnell eines Besseren. Hat es sich die Welt heute zur Aufgabe gemacht, mich zu nerven? Mir den Tag zu versauen?<\/p>\n<p>\u201eWie gut, dass mich deine Meinung nicht interessiert\u201c, erwidere ich kalt und nippe an meinem Whisky. Das augenblickliche W\u00fcrgen unterdr\u00fccke ich schwer. Der bittere Geschmack scheint nur z\u00e4hfl\u00fcssig meine Kehle hinab zu gleiten und hinterl\u00e4sst eine brennende Spur.<\/p>\n<p>\u201eNa, da hat aber jemand grandiose Laune\u201c, entgegnet mein penetrantes Gegen\u00fcber belustigt. \u201eIch bin Aaron\u201c, stellt er sich kurz vor.<\/p>\n<p>\u201eIch bin Satan\u201c, sage ich genervt und drehe ihm nun den R\u00fccken zu.<\/p>\n<p>Ich presse mir das Glas an den Hals und genie\u00dfe den Moment lindernder K\u00e4lte.<\/p>\n<p>\u201eAch, deshalb die S\u00fcnde\u201c, wispert es an mein Ohr. \u201eWenn dir so hei\u00df ist, solltest du dich vielleicht ein wenig entkleiden.\u201c<\/p>\n<p>Sein Atem ist hei\u00df und k\u00fchl zugleich. Meine Nackenhaare stellen sich auf und gefangen in dem Moment, reagiere ich nicht schnell genug. Als ich mich umdrehe, um ihm etwas entgegenzusetzen, ist er weg. Untergetaucht in der tanzenden Menge, versteckt im bunten Licht. Ich weigere mich meinen Blazer auszuziehen. Au\u00dferdem bekomme ich keinen weiteren Schluck meines Whiskys herunter. Ich schwitze und meine Laune liegt nun in der N\u00e4he des Gefrierpunktes. Mein Blick schweift immer wieder durch den Club und sobald ich Aarons dunklen Schopf erblicke, grummele ich eine Beschimpfung und wende mich ab. Das ist kindisch und albern. Aber ich \u00e4rgere mich nun doch, dass die Theke nicht verspiegelt ist. Es w\u00fcrde mir viel leichter fallen, ihn zu beobachten, wenn ich mich dabei nicht so outen m\u00fcsste. Ich werfe einen Blick in mein Glas. Das Eis hat sich aufgel\u00f6st und die rotbraune Fl\u00fcssigkeit um ein paar Nuancen aufgehellt. Eigentlich hasse ich Whisky. Ich hasse Alkohol generell. Er schmeckt nicht und am n\u00e4chsten Tag sind die Probleme nicht ertrunken, sondern haben schwimmen gelernt. Noch viel mehr hasse ich, dass mein Vater mich hierhergetrieben hat. Sofort ist das Ungeheuer in meinem Magen wieder da und trommelt rebellierend. Wie konnte er mich so hintergehen? Wie konnte er mich ins offene Messer laufen lassen? Wieso \u00fcberrascht es mich immer noch so sehr?<\/p>\n<p>Jetzt ist es genug. Ich ziehe den Blazer doch aus und werfe ihn \u00fcber den Hocker neben mir. Dann schiebe ich das widerliche Ges\u00f6ff weg und bestelle mir stattdessen einen Lemon Squash, da ist auch viel mehr Eis drin.<\/p>\n<p>\u201eBraves M\u00e4dchen\u201c, erklingt es s\u00e4uselnd hinter mir. Ich h\u00e4tte es wissen m\u00fcssen. Selbstzufrieden nimmt Aaron neben mir Platz und sieht mich an.<\/p>\n<p>\u201eWird es dir nicht langweilig, st\u00e4ndig abzublitzen?\u201c, frage ich versucht gleichg\u00fcltig.<\/p>\n<p>\u201eIch liebe die Herausforderung\u201c, erwidert er sicher und st\u00fctzt sein Kinn auf seine Hand. \u201eWas macht eine Frau wie du in einem Club wie diesem hier?\u201c<\/p>\n<p>Ich kann ein emp\u00f6rtes H\u00fcsteln nicht verhindern.<\/p>\n<p>\u201eEine Frau wie ich?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, nickt er. \u201eH\u00fcbsch, im Business-Dress, allein. Da ist ein Fehler im Bild.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh bitte\u201c, sage ich. \u201eSpar\u2019 s dir. Mein Vater war kein Dieb, wir haben uns noch nicht vorher irgendwo gesehen und nein, du bekommst meine Nummer auch nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAutsch\u201c, zieht Aaron eine Leidensmiene. \u201eDas hat weh getan.\u201c<\/p>\n<p>Ich nehme einen Schluck aus meinem Getr\u00e4nk und zeige mich unbeeindruckt. Stattdessen presse ich erneut das Glas an meine Wange.<\/p>\n<p>\u201eGut, Satan\u201c, l\u00e4chelt Aaron und um seinen Mund bilden sich zwei verf\u00fchrerischen Gr\u00fcbchen. \u201eKein Dieb, wir kennen uns nicht und auch keine Nummer.\u201c Er stockt, mimt den Denker und reibt sich \u00fcbers Kinn. \u201eWie w\u00e4re es dann mit einem Tanz?\u201c<\/p>\n<p>Ich verschlucke mich und muss aufpassen, nichts auszuspucken. Ist das Mut oder Dummheit? Versucht beil\u00e4ufig mustere ich Aaron. Er ist gro\u00df und muskul\u00f6s gebaut. Er tr\u00e4gt ein graues Hemd, das bis zu den Ellbogen hochgeschoben ist und eine offene, schwarze Weste dar\u00fcber. Er sieht gut aus, verwegen, anziehend. Aber so einfach mache ich es ihm nicht.<\/p>\n<p>\u201eNein danke\u201c, sage ich und nippe erneut an meinem Lemon Squash.<\/p>\n<p>\u201eHast du einen Freund?\u201c, fragt er.<\/p>\n<p><em>Royce<\/em>, denke ich. Aber er ist nicht mein Freund. Und ich bin nicht seine Freundin.<\/p>\n<p>\u201eVielleicht\u201c, halte ich mich geheimnisvoll und werfe Aaron nun einen intensiven Blick zu.<\/p>\n<p>\u201eAlso nein\u201c, durchschaut er mich und ich f\u00fchle mich wie ein Schulm\u00e4dchen, das beim Abschreiben erwischt wurde.<\/p>\n<p>\u201eIch habe meine Sachen hier liegen\u201c, nicke ich zu dem Hocker neben mir.<\/p>\n<p>\u201eHenry?\u201c, ruft Aaron und reicht dem Gerufenen meinen Blazer samt Tasche. \u201eAlles sicher verstaut.\u201c<\/p>\n<p>Aarons Augen sind irgendwie hypnotisch und die Musik, die gespielt wird, nebelt mich ein. Trotzdem bleibe ich standhaft, ein bisschen mehr M\u00fche darf er sich noch geben.<\/p>\n<p>\u201eIch denke nicht\u201c, sage ich nun und nuckele an meinem Strohhalm.<\/p>\n<p>\u201eOkay\u201c, resigniert er. \u201eDann nicht.\u201c<\/p>\n<p>Mit diesen Worten macht er auf dem Absatz kehrt und geht. Ich w\u00fcrde mich gerne selbst ohrfeigen oder meinen Kopf auf die Theke aufschlagen lassen, aber das ist leider gerade nicht m\u00f6glich. Heute ist nicht mein Tag. Ich sollte gehen, mich irgendwo am Strand eingraben und f\u00fcr die n\u00e4chsten 50 Jahre totstellen. Ich drehe mich ein letztes Mal der Tanzfl\u00e4che zu, betrachte die bunten Lichter, die sich in den Glasdiamanten der Kronleuchter brechen. Viele tanzen, unter anderem Aaron. Mit einer Rothaarigen. Muss er nicht arbeiten?<\/p>\n<p>Eigentlich darf ich mich gar nicht aufregen, ich bin selber schuld. Trotzdem muss ich meine Lippen zusammenpressen. Sie bewegt sich steif und wirbelt viel zu auff\u00e4llig mit ihren roten Locken. Au\u00dferdem grinst sie wie ein Honigkuchenpferd. Sie tr\u00e4gt eine schwarze Jeans und ein schwarzes Top. Einfallsreich. <em>Das kannst du besser<\/em>, fl\u00fcstert mir die Eifersucht stichelnd ins Ohr. Aber sie hat Recht, ich kann das besser. Also stehe ich auf, gehe direkt auf die Tanzfl\u00e4che und bewege mich zum Rhythmus. Ich habe lange nicht mehr getanzt, schon gar nicht alleine und f\u00fchle mich sogleich etwas unbehaglich.<\/p>\n<p><em>Was tue ich hier eigentlich?<\/em>, denke ich, bereit sofort aus dem Lokal zu st\u00fcrmen, als sich eine warme Hand auf meine Schulter legt.<\/p>\n<p>\u201eDu kannst das definitiv besser\u201c, erkenne ich Aarons Stimme und h\u00f6re sein L\u00e4cheln heraus. \u201eDanke\u201c, sage ich statt eines bissigen Kommentars. Er legt nun seine H\u00e4nde um meine Taille und zieht mich ein St\u00fcck an sich heran. Seine Augen sind von Nahem noch sch\u00f6ner.<\/p>\n<p>\u201eWoher der Sinneswandel?\u201c, fragt er leise und die Musik wird langsamer, ruhiger.<\/p>\n<p>\u201eIst kompliziert\u201c, weiche ich aus. Ich sp\u00fcre, wie sich die Hitze in meinen Wangen fokussiert. Gott sei Dank ist es d\u00e4mmrig in dem Club.<\/p>\n<p>\u201eDie Dinge sind nie kompliziert\u201c, sagt Aaron und dreht mich einmal um meine eigene Achse, um mich dann wieder an seine Brust zu ziehen. Eine starke Brust.<\/p>\n<p>\u201eDie Umst\u00e4nde sind es vielleicht, aber die Dinge sind im Grunde immer einfach.\u201c<\/p>\n<p>\u201eFindest du?\u201c<\/p>\n<p>Seine Augenbrauen heben sich f\u00fcr einen kurzen Moment, bevor er grinst.<\/p>\n<p>\u201eJapp. Nehmen wir zum Beispiel mal die Liebe\u201c, betont er das letzte Wort und zwinkert mir zu. <em>Idiot<\/em>.<\/p>\n<p>\u201eDie Liebe ist nicht kompliziert. Entweder liebt man oder nicht. Die Umst\u00e4nde m\u00f6gen schwierig sein, aber Liebe selbst? Nein.\u201c<\/p>\n<p>Ich denke einen Moment \u00fcber seine Worte nach und will ihm aus Prinzip schon nicht zustimmen.<\/p>\n<p>\u201eBist du ein Philosoph?\u201c, frage ich stattdessen. \u201eOder ein Prophet, auf dem Weg mich zu bekehren?\u201c<\/p>\n<p>Ich rolle mit den Augen. Er lacht, wirbelt mich ein wenig herum.<\/p>\n<p>\u201eSagen wir mal so\u201c, tut er geheimnisvoll, \u201eich bin schon viel rumgekommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWo warst du schon?\u201c Meine Neugier kommt hervor. Reisen fasziniert mich.<\/p>\n<p>\u201eLateinamerika, Kanada, Europa.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn Europa? Wo genau?\u201c<\/p>\n<p>Aaron h\u00e4lt kurz inne und betrachtet mich einen Augenblick forschend. Meine Haut kribbelt ein bisschen an den Stellen, wo sein Blick mich zu ber\u00fchren scheint.<\/p>\n<p>\u201eIch mache dir ein Angebot\u201c, schl\u00e4gt er vor und in seinem Gesicht liegt der Ausdruck eines Spielers. Herausfordernd, bluffend und abenteuerlustig. \u201eWir wechseln uns ab. Ich erz\u00e4hle etwas \u00fcber mich und du \u00fcber dich. Dann ist es nicht so einseitig.\u201c<\/p>\n<p>Er zwinkert und nickt in Richtung Bar.<\/p>\n<p>\u201eNa gut\u201c, stimme ich zu.<\/p>\n<p>Sein Angebot klingt fair und dass ich nicht Satan bin, wird er wohl durchschaut haben. Wir sitzen eine ganze Weile zusammen an der Bar. Ich habe den Lemon Squash gegen eiskalte Cola getauscht und Aaron h\u00e4lt sich eisern an Wasser. Eigentlich muss er arbeiten, aber er macht etwas l\u00e4nger Pause und hofft, dass es nicht auff\u00e4llt. Nat\u00fcrlich nicht, wenn er direkt vor dem Chef an der Bar sitzt. Trotzdem muss ich schmunzeln. Also erz\u00e4hle ich ihm, dass ich Rebecca Lilian Hale bin, die Tochter von Rufus Archibald Hale, dem Inhaber von Hale-Waters, der zweitgr\u00f6\u00dften Reederei unseres Bundesstaates. In der Presse auch charmant als <em>Hell-Waters <\/em>bezeichnet. Im Gegenzug erfahre ich, dass Aaron Samuel Harris urspr\u00fcnglich aus Tennessee stammt und mit 18 sein Zuhause verlassen hat. Seither ist er viel herumgereist, hat sich schon vielen Bewegungen angeschlossen und sieht sich selbst als Hippie der Neuzeit. Am meisten beeindruckt mich, dass er schon in Europa war und L\u00e4nder wie Frankreich, England oder Italien bereist hat.<\/p>\n<p>\u201eWas hat dich von zuhause fortgetrieben?\u201c, frage ich.<\/p>\n<p>\u201eWei\u00df nicht genau\u201c, antwortet Aaron und zuckt mit den Schultern. \u201eIch war wohl immer schon rastlos. Ich wusste nicht genau, was ich machen wollte, aber eins war mir fr\u00fch klar, in Tennessee bleiben, wollte ich nicht.\u201c<\/p>\n<p>Ein wenig beneide ich ihn f\u00fcr seinen Mut, den man ihm immer noch als Dummheit auslegen k\u00f6nnte. Aber insgeheim wei\u00df ich, dass es nichts mit letzterem zu tun hat. Aaron ist seinem Bauchgef\u00fchl gefolgt und hatte Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eUnd du, was hat dich wirklich hierhergetrieben, heute Abend?\u201c<\/p>\n<p>Aarons Augen gl\u00fchen leicht und ich habe schon bemerkt, dass dies ein Zeichen wahrer Neugier ist. Ich grinse und z\u00f6gere den Moment der Enth\u00fcllung ein wenig heraus. Eigentlich bin ich versucht, ihm eine L\u00fcge aufzutischen, mir etwas auszudenken, das der Wahrheit nicht mal im Entferntesten \u00e4hnelt, aber ich tue es nicht. Etwas an Aaron sagt mir, dass ich ihm die Wahrheit sagen kann und ich m\u00f6chte es. Vielleicht ist es die Tatsache, dass ich ihn nicht wiedersehen muss?<\/p>\n<p>\u201eUnd sag jetzt nicht, es ist kompliziert\u201c, lacht er und nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Glas.<\/p>\n<p>\u201eNein\u201c, erwidere ich sein Lachen. \u201eIm Grunde ist es ganz einfach. Mein Vater hat mich reingelegt und ich wollte mich betrinken. Aber dann ist mir wieder eingefallen, dass ich gar keinen Alkohol mag und mein Plan war dahin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eShit happens\u201c, grinst Aaron.<\/p>\n<p>\u201eOffensichtlich\u201c, erwidere ich.<\/p>\n<p>Meine Stimmung ist etwas eingebrochen, weil ich in Gedanken meinen Vater sehe, wie er mir ins Gesicht lacht und wei\u00df, dass er mich abs\u00e4gt.<\/p>\n<p>\u201eWie lange bleibst du noch in der Stadt?\u201c, will ich wissen und versuche die Bilder in meinem Kopf in eine Schublade zu stecken und diese abzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>\u201eMal sehen\u201c, antwortet er \u00fcberlegend. \u201eMan wei\u00df nie, was kommt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAaron!\u201c, ruft nun jemand vom anderen Ende der Bar, dessen Zornesfalte zwischen den Augen be\u00e4ngstigend ist.<\/p>\n<p>\u201eDie Pause ist um.\u201c<\/p>\n<p>Er nickt und seufzt tief, bevor er aufsteht.<\/p>\n<p>\u201eAlso\u201c, beginnt er und nimmt meine Hand. \u201eRebecca Lilian Hale, es hat mich gefreut.\u201c<\/p>\n<p>Er macht einen Knicks und k\u00fcsst meinen Handr\u00fccken.<\/p>\n<p>\u201eDen Kuss deutet man eigentlich nur an\u201c, kommentiere ich gespielt emp\u00f6rt.<\/p>\n<p>\u201eWenn schon, denn schon\u201c, sagt er grinsend. Aaron grinst generell ziemlich viel. \u201eDas Leben ist zu kurz, um immer nur Andeutungen zu machen.\u201c<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich steht er ganz nah vor mir. <em>Er wird mich k\u00fcssen<\/em>, denke ich, doch das geschieht nicht und f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde bin ich entt\u00e4uscht. Stattdessen streicht er mir eine weitere lose Haarstr\u00e4hne hinter die Ohren und geht. <em>Das wars?<\/em>, klingt es in meinem Kopf. Aber trotzdem muss ich l\u00e4cheln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bleibe noch einige Zeit und habe Aaron vollst\u00e4ndig aus den Augen verloren. Die Uhr mit den leuchtenden Zeigern zeigt kurz vor zw\u00f6lf an und ich bin etwas \u00fcberrascht, wie lange ich schon in diesem Club bin. Immer noch str\u00f6men Menschen die Treppe hinunter und auch die Tanzfl\u00e4che leert sich nicht. Ich habe mich noch mit einem anderen Mann unterhalten \u2013 Chris \u2013 aber der war wenig unterhaltsam. Er hat noch mehr geschwitzt, als ich und ziemlich viel gezwinkert beim Reden. Chris ist Banker und ziemlich erfolgreich, wenn man seinen Aussagen Glauben schenken darf, was ich bezweifle. Er erw\u00e4hnt seine Position viel zu h\u00e4ufig, genau wie seinen Besitz. Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Chris Augen sind auch blau, aber in ihnen glitzert es nicht, sondern sie sind tr\u00e4ge und verschleiert vom Alkohol.<\/p>\n<p>\u201eChris\u201c, erklingt meine Stimme weich aber entschlossen. \u201eIch denke, ich gehe jetzt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchon?\u201c, fragt er entt\u00e4uscht und schaut wie ein ausgesetzter Hund.<\/p>\n<p>\u201eJa, es ist sp\u00e4t und ich habe morgen wichtige Termine.\u201c<\/p>\n<p>Chris nickt und zwinkert wieder. Soll das eine Botschaft sein?<\/p>\n<p>\u201eIch werde wohl auch gehen\u201c, f\u00fcgt er hinzu und legt einen zerknitterten 20 Dollarschein auf den Tresen.<\/p>\n<p>\u201eStimmt so.\u201c<\/p>\n<p>Henry nimmt den Schein in Empfang und dankt mit einer salutierenden Geste, indem er sich mit zwei Fingern gegen die Stirn tippt. Ich habe schon vor einer Weile gezahlt und lasse mir meine Jacke und Handtasche geben. Ein letztes Mal wandern meine Augen durch den Club. Eine Mischung aus Zeiten der Prohibition und 70er Jahre weht mir zum Abschied entgegen. Bunte Lichter und klassisches Design. Eine clevere Idee.<\/p>\n<p>\u201eDarf ich?\u201c, h\u00f6re ich Chris neben mir fragen und blicke mit hochgezogenen Augenbrauen auf seinen Unterarm, den er mir zum einhaken hinh\u00e4lt.<\/p>\n<p>\u201eDanke, geht schon.\u201c Ohne weiter auf ihn zu achten, gehe ich die Treppen hoch zum Ausgang. Aaron ist nirgends zu sehen und eigentlich ist es mir egal. Das angenehme Kribbeln, das seine Gegenwart hervorgerufen hat, vermisse ich nicht und auch den Blick in seine tiefblauen Augen sehne ich nicht herbei. Die Nacht ist angenehm lau und begr\u00fc\u00dft uns mit einer seichten Brise. Der Himmel ist dunkel und die Sterne leuchten ganz schwach, geblendet vom grellen Licht der Stra\u00dfenlaternen. Vor dem Eingang tummeln sich nun richtige Gr\u00fcppchen und Gel\u00e4chter hallt durch die Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>\u201eAlso\u201c, beginnt Chris, der immer noch neben mir steht und mich mit seiner Pr\u00e4senz allm\u00e4hlich nervt. Er ist etwas unsicher, tippelt von links nach rechts und f\u00e4hrt sich viel zu oft mit seiner Zunge \u00fcber die Lippen.<\/p>\n<p>\u201eHast du noch Lust auf einen Kaffee?\u201c Ich lache. Ich kann gar nicht anders.<\/p>\n<p>Chris wird rot, das kann nicht mal die Dunkelheit der Nacht verbergen und das bringt mich noch mehr zum Lachen.<\/p>\n<p>\u201eNein, danke\u201c, kriege ich hervor.<\/p>\n<p>Chris nuschelt irgendwas, w\u00e4hrend er sich von mir entfernt, und ich kann nur mit dem Kopf sch\u00fctteln. Nett war das nicht, zu lachen, aber gut getan hat es. Schlie\u00dflich will ich mich jetzt nach Hause begeben, um am n\u00e4chsten Morgen mit meinem Vater und meinem Bruder zu fr\u00fchst\u00fccken und da wird es nicht mehr viel zu lachen geben. Das gemeinsame Fr\u00fchst\u00fcck ist ein Ritual vor gro\u00dfen Gesch\u00e4ftsterminen. Und eigentlich will ich da nicht hin \u2013 weder zum Fr\u00fchst\u00fcck, noch zum Meeting.<\/p>\n<p>\u201eNa endlich\u201c, rei\u00dft mich eine tiefe Stimme aus meinen Gedanken. \u201eIch dachte schon, den wirst du nie los.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcberrascht blicke ich auf und traue meinen Augen nicht. Da steht Aaron, gegen ein dunkles Motorrad gelehnt, beide Arme vor der Brust verschr\u00e4nkt und \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 grinsend. Die Luft l\u00e4dt sich sofort statisch auf und ich h\u00f6re das feine Knistern.<\/p>\n<p>\u201eDu h\u00e4ttest mich ja retten k\u00f6nnen\u201c, entgegne ich und betrachte seine Maschine eingehender. Ich habe keine Ahnung von Motorr\u00e4dern, ich liebe es, sie zu fahren, aber mit Marken kenne ich mich nicht aus. Meine Finger beginnen zu kribbeln.<\/p>\n<p>\u201eAch\u201c, sagt Aaron in beschwichtigendem Tonfall, \u201eich dachte, Satan schafft das schon.\u201c Elegant st\u00f6\u00dft er sich ab und kommt auf mich zu. In seinem Blick liegt dieser Funke, der auf alles in seiner Umgebung \u00fcberspringt und augenblicklich Feuer f\u00e4ngt.<\/p>\n<p>\u201eNoch was vor?\u201c, fragt er.<\/p>\n<p>Das Monster in meinem Magen scheint die Schlagringe gegen ein Feenkost\u00fcm getauscht zu haben und flattert wild herum. Mein Blick huscht zu der Maschine und ich habe schon verloren, bevor ich einen Schlachtplan entwickeln kann.<\/p>\n<p>\u201eWie w\u00e4r\u2019s mit einer Spritztour?\u201c, schlage ich vor.<\/p>\n<p>\u201eGenau mein Gedanke\u201c, erwidert Aaron und l\u00e4chelt. Diese Gr\u00fcbchen geh\u00f6ren verboten.<\/p>\n<p>\u201eAber ich fahre\u201c, \u00fcberrasche ich nun ihn und sehe ihn zum ersten Mal sprachlos.<\/p>\n<p><em>Was du kannst, kann ich schon lange<\/em>, denke ich triumphierend.<\/p>\n<p>\u201eNiemals\u201c, sagt er, nach einem Moment.<\/p>\n<p>\u201eWarum nicht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eKompliziert?\u201c Ich kichere.<\/p>\n<p>\u201eDie Dinge sind nie kompliziert\u201c, erkl\u00e4re ich ihm, w\u00e4hrend ich auf das Motorrad zugehe und mit meinem Finger \u00fcber den ledernen Sattel fahre. \u201eIm Grunde ist es ganz einfach. Entweder, du l\u00e4sst mich fahren oder du f\u00e4hrst allein. Die Umst\u00e4nde \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchon gut, schon gut\u201c, winkt Aaron seufzend ab. \u201eDu bist h\u00e4rter, als ich dachte.\u201c<\/p>\n<p>Ich nicke zufrieden und merke, wie sich mein K\u00f6rper auf das Adrenalin freut, das gleich durch meine Adern flie\u00dfen wird. Ich bin lange nicht mehr gefahren, aber das behalte ich lieber f\u00fcr mich. Schnell sind zwei Helme aus dem Fach unter dem Sattel geholt, das viel gr\u00f6\u00dfer ist, als man von au\u00dfen vermuten mag. Aaron setzt mir meinen auf und stellt den Gurt am Kinn richtig ein. Seine Finger sind rau, aber trotzdem angenehm.<\/p>\n<p>\u201eDie sind sogar mit Funk\u201c, verk\u00fcndet er stolz.<\/p>\n<p>\u201eDie Helme?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJap.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWo hast du die denn her?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch hab\u2018 mal in einer Fahrschule eines Freundes ausgeholfen und das war sein Dank. F\u00fcr l\u00e4ngere Motorradtouren sind die genial.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWeil du so eine Quasselstrippe bist?\u201c, necke ich ihn.<\/p>\n<p>\u201eDas auch\u201c, lacht er und reicht mir die Schl\u00fcssel.<\/p>\n<p>\u201eDies ist ein Sakrament\u201c, fl\u00fcstert er ehrf\u00fcrchtig und fasst mich an beiden Schultern. \u201eKr\u00fcmm\u2018 ihr kein Haar, sie ist empfindlich.\u201c<\/p>\n<p>Ich umschlie\u00dfe den Schl\u00fcssel mit meinen Fingern und nicke bed\u00e4chtig. Dann muss ich lachen und auch Aaron f\u00e4llt mit ein. Irgendwie ist es leicht, mit ihm zusammen zu sein.<\/p>\n<p>Eigentlich trage ich das falsche Outfit f\u00fcr eine Motorradtour und mein Rock ist viel zu eng, um die Beine soweit zu spreizen. Also rei\u00dfe ich den Stoff kurzer Hand an den Seiten auf.<\/p>\n<p>\u201eSexy\u201c, raunt Aaron in mein Ohr und nimmt hinter mir Platz. Seine Arme umschlie\u00dfen meine Taille und er legt seinen Kopf zwischen meinen Schulterbl\u00e4ttern ab.<\/p>\n<p>\u201eOh, das ist so sch\u00f6n\u201c, witzelt er und gibt seiner Stimme einen weiblichen klang. \u201eIch will, dass dieser Moment nie endet und ich mich f\u00fcr immer an deinen R\u00fccken schmiegen kann.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHalt die Klappe\u201c, grinse ich und lasse die Maschine unter lautem Get\u00f6se anspringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Duft von Benzin und Abgasen liegt in der Luft und ich mag den Geruch immer noch. Der Fahrtwind ist angenehm k\u00fchl auf meiner Haut und streift mir meine Anspannung ab. Ein unglaubliches Gef\u00fchl von Freiheit durchstr\u00f6mt meinen K\u00f6rper und w\u00e4hrend Aaron irgendeinen Unsinn redet, w\u00fcrde ich mir am liebsten den Helm abnehmen. Ich m\u00f6chte meine Haare offen im Wind tanzen lassen und meine H\u00e4nde vom Lenkrad l\u00f6sen. Fast wie fliegen. Wie Rose in Titanic. Nur, dass das hier ein Motorrad ist und kein Schiff und hinter mir Aaron sitzt und nicht Jack.<\/p>\n<p>\u201eBieg da vorne links ab\u201c, weist Aaron mir eine Richtung.<\/p>\n<p>Er will nicht verraten wohin es geht und ich mag das Gef\u00fchl von Ungewissheit, das sich wie eine Quintessenz durch die Nacht schleicht. Ich habe mich schon lange nicht mehr so gef\u00fchlt. So frei und unbefangen und ich merke, wie sehr mir das fehlt.<\/p>\n<p>\u201eWohin soll es denn gehen?\u201c, versuche ich erneut unseren Zielort auszukundschaften.<\/p>\n<p>\u201eEine \u00dcberraschung\u201c, sagt er knapp und ich h\u00f6re das Grinsen in seiner Stimme. Es \u00fcbertr\u00e4gt sich auf mich. Ich beschleunige nochmal, nachdem wir abgebogen sind und ich erkenne die K\u00fcstenstra\u00dfe, die zu den exquisiteren Badestr\u00e4nden f\u00fchrt.<\/p>\n<p>\u201eMachst du das mit allen Frauen?\u201c, frage ich gespielt eifers\u00fcchtig.<\/p>\n<p>\u201eNein\u201c, antwortet er knapp. \u201eNur mit jeder zweiten.\u201c<\/p>\n<p>Und irgendwie glaube ich, dass diese Aussage gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist, aber es st\u00f6rt mich nicht.<\/p>\n<p>\u201eGeht\u2019s zu der Sunset Lagune?\u201c, will ich wissen und bin mir ziemlich sicher, dass ich Recht habe. Ich kenne diese Gegend wie meine Westentasche.<\/p>\n<p>\u201eUnd schon ist die \u00dcberraschung dahin\u201c, seufzt Aaron hinter mir.<\/p>\n<p>Nun ist es an mir zu lachen und ich steuere auf den leeren Parkplatz zu, der vor uns auftaucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Sunset Lagune ist nicht f\u00fcr jeden zug\u00e4nglich, nur exklusive Clubmitglieder haben einen Zugangscode. So wie ich. So wie meine gesamte Familie.<\/p>\n<p>Aaron verstaut alles in dem Fach unter seinem Sitz. Ich genie\u00dfe die Meeresluft, die W\u00fcrze der Nacht, die Frische. Es ist richtig angenehm. Nicht zu warm und nicht zu kalt. Der Bereich der Lagune ist von einem wei\u00dfen Metallzaun umgeben.<\/p>\n<p>\u201eLust auf ein Mondscheinbad?\u201c, fragt Aaron und sieht mich wieder mit diesem herausfordernden Blick an. Seine Augen gl\u00fchen und sein Leichtsinn ist ansteckend.<\/p>\n<p>\u201eIch war schon lange nicht mehr nachts schwimmen\u201c, antworte ich und nicke.<\/p>\n<p>Verwundert halte ich inne, als Aaron sich durch die B\u00fcsche schlagen will.<\/p>\n<p>\u201eWas tust du da?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWonach sieht es denn aus?\u201c, erklingt es durchs Ge\u00e4st.<\/p>\n<p>\u201eIch habe einen Zugangscode.\u201c<\/p>\n<p>\u201ePfft\u201c, macht er. \u201eIst doch langweilig.\u201c<\/p>\n<p>Ich gehe ihm nach und erblicke ihn, wie er sich an einem der B\u00e4ume hochhangeln will.<\/p>\n<p>\u201eOder hast du Schiss?\u201c Wieder dieser abenteuerliche Ausdruck.<\/p>\n<p>\u201eIch hab\u2018 vor gar nichts Schiss\u201c, erwidere ich und ergreife einen dicken Ast, um mich hochzuziehen. Das Holz ist trocken und kantig. Ich merke sofort, wie es die Haut an meinen H\u00e4nden aufrei\u00dft, aber das ist mir egal. Ich will nur schneller sein als Aaron. F\u00fcr einen Moment f\u00fchle ich mich in meine Kindheit zur\u00fcckversetzt, als Jared und ich aus allem einen Wettkampf gemacht haben und den anderen um jeden Preis schlagen wollten. Dieser Kampf besteht auch heute noch, nur auf anderer Ebene.<\/p>\n<p>Ich bin tats\u00e4chlich schneller als Aaron und will gerade auf den Ast klettern, der \u00fcber den Zaun reicht, als ich am Fu\u00df festgehalten werde.<\/p>\n<p>\u201eSo haben wir nicht gewettet\u201c, grunzt Aaron hinter mir und will sich an mir vorbeidr\u00fccken.<\/p>\n<p>\u201eDas ist Schummeln\u201c, grummele ich emp\u00f6rt und greife nach seinem Hemd.<\/p>\n<p>Es ist ziemlich wackelig auf dem Ast, aber trotzdem versuchen wir uns gegenseitig zu behindern. Ich kichere und fluche, er lacht und meckert. Letztlich verliere ich das Gleichgewicht und rei\u00dfe ihn mit mir vom Baum. Aber einen Moment des Verschnaufens gibt es nicht.<\/p>\n<p>\u201eWer zuerst im Wasser ist\u201c, ruft Aaron und ist schon wieder auf den Beinen.<\/p>\n<p>\u201eDas ist unfair\u201c, schreie ich ihm hinter her, bin aber sogleich hinter ihm.<\/p>\n<p>Gott sei Dank ist der Sturz nicht tief gewesen. W\u00e4hrend wir durch den Sand rennen, fliegt mir Aarons Hemd entgegen, aber ich hole ihn trotzdem ein und wir dr\u00fccken unsere Schultern gegeneinander.<\/p>\n<p>\u201eDu hast keine Chance\u201c, lache ich und schubse ihn.<\/p>\n<p>Er erwischt meinen Arm und zieht mich nach hinten.<\/p>\n<p>\u201eDas werden wir ja sehen.\u201c Aaron ist zu schnell, also bleibe ich stehen.<\/p>\n<p>\u201eAch, ich will gar nicht erste sein\u201c, sage ich unger\u00fchrt und bohre mit den Zehen im Sand.<\/p>\n<p>Aaron h\u00e4lt an und dreht sich zu mir um.<\/p>\n<p>\u201eSowas ist albern\u201c, f\u00fcge ich noch hinzu und schaue auf den Boden. In meinem Inneren kribbelt es wie wild und ich genie\u00dfe es, das kleine M\u00e4dchen zu spielen.<\/p>\n<p>\u201eSo?\u201c, fragt Aaron und der Schalk blitzt in seinen Augen auf.<\/p>\n<p>Langsam kommt er auf mich zu und das Kribbeln nimmt zu.<\/p>\n<p>\u201eDas ist also albern?\u201c<\/p>\n<p>Ich nicke und schiebe trotzig das Kinn vor.<\/p>\n<p>\u201eNa, wie albern muss dann das erst f\u00fcr dich sein?\u201c, gluckst er, rennt auf mich zu, um mich kurzer Hand zu schnappen und \u00fcber seine Schulter zu werfen.<\/p>\n<p>Ich schreie und kreische und klopfe wild mit meinen F\u00e4usten auf seinen R\u00fccken. Aber das beeindruckt ihn nicht, denn er wei\u00df, dass ich nur Theater spiele. In Wahrheit genie\u00dfe ich diese Albernheit. Ich schreie noch lauter, als er mich einfach ins Wasser fallen l\u00e4sst, aber nicht, weil es kalt ist, sondern weil es Spa\u00df macht. Weil es befreit.<\/p>\n<p>Die Wellen sind seicht und umschlie\u00dfen uns mit sanfter W\u00e4rme. Der Himmel \u00fcber uns ist dunkel und endlich sehe ich die Sterne. Sie strahlen und ich f\u00fchle mich, als schwimme ich in den Weiten des Alls, direkt in fremde Galaxien. Aaron und ich haben uns bis auf die Unterw\u00e4sche ausgezogen und tollen herum, wie die Kinder. Wir machen Handst\u00e4nde im Wasser, spritzen uns gegenseitig nass und veranstalten Wettschwimmen oder Wetttauchen. Wir messen uns daran, wer l\u00e4nger die Luft anhalten kann, wer die Muscheln weiter ins Meer wirft, wer mehr Schrauben im Wasser drehen kann, bevor er auftauchen muss. Ich verliere in fast allem und eigentlich bin ich ein schlechter Verlierer. Aber jetzt geht es um nichts und das ist wohl das erste Mal in meinem Leben, wo es um nichts geht.<\/p>\n<p>\u201eWie w\u00e4re es mit etwas zu trinken?\u201c, fragt Aaron und nickt auf das verschlossene H\u00e4uschen, das eigentlich eine Strandbar ist.<\/p>\n<p>\u201eDaf\u00fcr habe ich keinen Code\u201c, sage ich.<\/p>\n<p>\u201eAls ob ich den br\u00e4uchte.\u201c Aarons kehliges Lachen hallt den Strand entlang.<\/p>\n<p>Ich sehe ihm nach, w\u00e4hrend er aus dem Wasser wartet. Er hat eine T\u00e4towierung auf dem Oberarm und eine Narbe auf der Schulter. Der Mond strahlt auf die Lagune und schenkt mir den Blick auf Aarons Muskeln, die sich gleichm\u00e4\u00dfig an- und entspannen.<\/p>\n<p>\u201eWas hast du vor?\u201c, forsche ich nach und eile ihm hinterher.<\/p>\n<p>Es ist immer noch warm genug, sodass unsere Haut schnell trocknet.<\/p>\n<p>\u201eIch hole uns was zu trinken\u201c, erkl\u00e4rt Aaron selbstverst\u00e4ndlich und fingert an den geschlossenen L\u00e4den der Strandbar herum.<\/p>\n<p>\u201eDie\u2026 kann man\u2026\u201c, st\u00f6hnt er unter seiner Kraftanstrengung, \u201eaushebeln.\u201c<\/p>\n<p>Und schon rutscht die Lade oben aus dem Scharnier und klappt nach vorn. Vorsichtig schwingt er sich \u00fcber das Holz und h\u00fcpft ins Innere.<\/p>\n<p>\u201eWenn das Leben dir Zitronen bietet\u201c, erklingt es dann grinsend, gefolgt von zwei gelben Fr\u00fcchten, die auf der Theke erscheinen, \u201emach Limonade draus.\u201c<\/p>\n<p>Ich kichere. Er ist verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>\u201eHei\u00dft es nicht, dann frag nach Tequila?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu magst keinen Alkohol.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch ja.\u201c<\/p>\n<p>Aaron gibt einen vorz\u00fcglichen Barkeeper ab. Er scheint irgendwie alles zu k\u00f6nnen. Noch etwas, um das ich ihn beneide.<\/p>\n<p>\u201eUnd wohin wird es dich als n\u00e4chstes verschlagen?\u201c, versuche ich etwas mehr \u00fcber ihn herauszufinden.<\/p>\n<p>\u201eNach Texas\u201c, erz\u00e4hlt er und reicht mir ein Glas frisch gepresster Limonade. \u201eEin Freund von mir organisiert da Motorradtouren durchs ganze Land.\u201c<\/p>\n<p>Ich hebe die Brauen und bin beeindruckt.<\/p>\n<p>\u201eWirklich?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJap\u201c, nickt Aaron und lehnt sich \u00fcber den Tresen zu mir her\u00fcber. \u201eDas will ich auch irgendwann mal machen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIst aber ein unsicheres Gesch\u00e4ft\u201c, sage ich. So viele Variablen, keine Konstanten.<\/p>\n<p>\u201eEgal\u201c, winkt er ab und auf seinem Gesicht liegt dieses Gr\u00fcbchenl\u00e4cheln, das ihn j\u00fcnger wirken l\u00e4sst. \u201eDas war schon immer mein Traum. Ich lebe praktisch ein St\u00fcckchen Freiheit und kann das zu meinem Beruf machen. Was will man mehr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSicherheit?\u201c<\/p>\n<p>Er wirft mir einen belustigten Blick zu und trinkt einen Schluck.<\/p>\n<p>\u201eDu gehst nicht gerne Risiken ein, was?\u201c, fragt er statt mir zu antworten.<\/p>\n<p>Ich antworte nicht.<\/p>\n<p>\u201eDu k\u00f6nntest ja mitkommen\u201c, schl\u00e4gt er vor. Da, schon wieder dieses Gl\u00fchen in seinen Augen. \u201eK\u00f6nnte ich\u201c, stimme ich ihm zu und male mir in Gedanken aus, wie ich mit ihm nach Texas fahre. Wie ich Reisen organisiere und mehr von der Welt sehe, als nur die Katalogreisen. Ich sehe Aaron neben mir, der ausgeglichen ist, lacht und an seiner Maschine herum schraubt. Den nichts aus der Ruhe bringt und nichts be\u00e4ngstigen kann.<\/p>\n<p>\u201eDas w\u00e4re schon eine verr\u00fcckte Sache\u201c, erz\u00e4hlt er einfach weiter, beachtet mein Stocken nicht. \u201eWir k\u00f6nnten einen eigenen Club gr\u00fcnden, so wie die Easy Rider oder Hells Angels.\u201c<\/p>\n<p>Nun muss ich lachen. Aber ich muss zugeben, die Vorstellung hat etwas Reizvolles.<\/p>\n<p>\u201eUnd wie sieht es bei dir aus?\u201c, fragt Aaron mich.<\/p>\n<p>\u201eKeine Ahnung\u201c, seufze ich. \u201eIch denke, ich werde die Expansionsabteilung unserer Reederei \u00fcbernehmen. So komme ich auch ein wenig herum.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKlingt spannend\u201c, sagt er.<\/p>\n<p><em>Total<\/em>, denke ich.<\/p>\n<p>\u201eSchade, dass hier keine Musik ist\u201c, werfe ich einfach ein.<\/p>\n<p>Ich will das Thema wechseln, ich will die Leichtigkeit des Abends zur\u00fcck. Aber ich sp\u00fcre, dass sie ihre Koffer schon gepackt hat und reisefertig ist.<\/p>\n<p>\u201eDas l\u00e4sst sich \u00e4ndern\u201c, erwidert Aaron und h\u00fcpft zur\u00fcck in den warmen Sand. Er kommt auf mich zu, ergreift meine Hand und platziert sie auf seiner Schulter.<\/p>\n<p>\u201eDer Tanz im Absynthe Minded war etwas kurz\u201c, wispert er und schaut mir tief in die Augen. Ein Prickeln \u00fcberzieht meine Haut, l\u00e4sst mein Herz schneller schlagen. Leise beginnt Aaron zu summen und dreht mich sanft im Kreis. Die Wellen schwappen sacht an den Strand und verlieren sich in einem gleichm\u00e4\u00dfigen Rhythmus, begleiten Aarons Brummen und lassen beinahe wahre Musik entstehen. Sein Kopf neigt sich dem meinen zu und weil ich wei\u00df, dass die Magie nicht bis morgen anhalten wird, strecke ich mich ihm entgegen und erwidere die z\u00e4rtliche Ber\u00fchrung seiner Lippen. In diesem Moment bin ich blo\u00df Rebecca, irgendeine Rebecca und er ist einfach Aaron.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleichm\u00e4\u00dfiges Rauschen str\u00f6mt in mein Bewusstsein, vertreibt die Schw\u00e4rze aus meinem Kopf. Warme Strahlen streifen meine Haut und Sand kitzelt zwischen meinen F\u00fc\u00dfen. Langsam \u00f6ffne ich die Augen und blinzele. Es ist hell. Und warm. Ich liege noch immer am Strand der Sunset Lagune und wei\u00df, bevor ich wirklich hingesehen habe, dass Aaron weg ist. Aber ich bin nicht traurig und auch nicht schwerm\u00fctig. Langsam \u00f6ffne ich die Augen ganz und betrachte den azurblauen Himmel. Ich horche einen Moment in mich hinein, bevor ich mich aufrichte. Gerade, als ich mir mit der Hand \u00fcbers Gesicht fahren will, halte ich inne. Da steht etwas auf meiner Handfl\u00e4che. <em>Irgendwann<\/em>. Ich l\u00e4chele. Ich habe keine Schmetterlinge in meinem Bauch, ich bin einfach befreit.<\/p>\n<p>Mit einem Kopfsch\u00fctteln stehe ich auf und werfe einen Blick auf die Uhr in der Strandbar. Es ist halb neun. <em>Wenigstens den Fensterladen h\u00e4tte er wieder reparieren k\u00f6nnen<\/em>, denke ich. Anderseits ist es so ganz praktisch. Ich klettere hinein und benutze das Telefon an der Wand, um mir ein Taxi zu rufen. Dann bleibe ich einen Moment stehen und \u00fcberlege, ob ich die benutzten Gl\u00e4ser sauber machen und wegr\u00e4umen soll. Aber ich tue es nicht. Stattdessen gehe ich einfach und lasse alles wie es ist. Als ich den Eingang erreiche, sehe ich, dass das Wachh\u00e4uschen besetzt ist. Mr. Smith sitzt in seinem Stuhl, studiert die Zeitung und hat einen Kaffee in der Hand. Bei dem Wetter. Sicherlich hat er uns gesehen oder mich, aber er kennt mich und ich sch\u00e4tze seine Diskretion.<\/p>\n<p>\u201eGuten Morgen, Mr. Smith\u201c, begr\u00fc\u00dfe ich ihn und klopfe gegen die Scheibe.<\/p>\n<p>\u201eGuten Morgen, Ms. Hale\u201c, erwidert er grummelnd.<\/p>\n<p>\u201eHaben die Yankees verloren?\u201c, necke ich ihn.<\/p>\n<p>Sein Blick spricht B\u00e4nde und ich kichere.<\/p>\n<p>\u201eEinen sch\u00f6nen Tag noch\u201c, sage ich und gehe.<\/p>\n<p>\u201eIhnen auch, Ms. Hale\u201c, antwortet er.<\/p>\n<p>\u201eN\u00e4chste Woche werden sie die Red Socks vom Platz fegen\u201c, f\u00fcgt er noch hinzu. Ich lache. \u201eGanz bestimmt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich mein Elternhaus erblicke, bin ich seltsam ruhig. Ich gehe durch die Terrassent\u00fcr direkt ins Esszimmer und finde meinen Vater sowie meinen Bruder am Tisch vor. Sie sind fertig. Die Teller sind benutzt und der Tisch beinahe abger\u00e4umt.<\/p>\n<p>\u201eDu bist zu sp\u00e4t\u201c, sagt mein Vater, ohne von seiner Zeitung aufzusehen.<\/p>\n<p>Jared ist still und nerv\u00f6s. Ich wei\u00df, dass er Angst hat, also zwinkere ich ihm kurz zu und versichere ihm, dass es okay ist. Das ist es nicht, aber er kann nichts daf\u00fcr.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df\u201c, richte ich das Wort an meinen Vater und nehme mir ein Br\u00f6tchen aus dem Korb. \u201eWir essen immer zusammen, wenn ein wichtiger Termin bevorsteht\u201c, f\u00e4hrt er fort. \u201eEs gab noch eine \u00c4nderung, die wir jetzt nicht mehr besprechen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Ich rei\u00dfe das Br\u00f6tchen auseinander und zupfe die weiche F\u00fcllung raus. Das habe ich schon als Kind gern gemacht.<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft du was?\u201c, frage ich ruhig. \u201eDas ist mir egal.\u201c<\/p>\n<p>Dann stehe ich auf und verlasse den Raum. In Gedanken gehe ich durch die Haust\u00fcr und fahre zu dem Club von gestern. Ich setze mich auf Aarons Maschine und begleite ihn nach Texas, lasse alles hinter mir zur\u00fcck, wie l\u00e4stiges Gep\u00e4ck. Aber das tue ich nicht. Stattdessen nehme ich die Stufen hinauf in mein altes Zimmer. Ich setze mich an meinen Schminktisch und betrachte die Frau im Spiegel. Meine Augen strahlen, meine Lippen sind nat\u00fcrlicher Farbe und das zarte Rot auf meinen Wangen ist echt. Denn die Wahrheit ist, ein Leben ver\u00e4ndert sich nicht \u00fcber Nacht. Aber ein Mensch, ein Mensch kann das und damit ver\u00e4ndert sich auch sein Leben. Nicht sofort, nicht rasend schnell, aber irgendwann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vorsichtig fahre ich mit dem Schwamm \u00fcber mein Gesicht, verdecke die Schatten. Ein schwarzer Wimpernkranz f\u00fcr ausdrucksvolle Augen, ein tiefes Rot, f\u00fcr einen sinnlichen Mund und zartes Rouge auf den Wangen f\u00fcr Lebendigkeit. Ich streiche meine Haare ein wenig zur\u00fcck, richte meine Haltung auf und l\u00e4chele mich an. Die Frau im Spiegel ist \u00fcberzeugend, so wie immer. Schnell lasse ich die Utensilien, denen ich mein stumpf strahlendes Aussehen verdanke, in meiner Tasche verschwinden, streife mir den schwarzen Blazer \u00fcber und verlasse das Bad und sein grelles Neonlicht, bei dem man die Realit\u00e4t noch viel schwerer verstecken kann. W\u00e4hrend meine Schritte von den hohen W\u00e4nden zur\u00fcckhallen, h\u00f6re ich die anderen im Konferenzsaal reden. Sie sind rastlos, ungeduldig, angespannt. Sie warten. Auf mich. Als ich den Raum betrete, l\u00e4cheln alle \u2013 genauso falsch, wie die Frau vorhin im Spiegel. \u201eRebecca\u201c, erklingt die Stimme meines Vaters mit diesem salbenden Unterton, wie er ihn nur benutzt, wenn er eine Nachricht \u00fcberbringen muss, die nicht angenehm ist. Erst in Sicherheit wiegen und dann zuschlagen. \u201eRufus\u201c, erwidere ich die Begr\u00fc\u00dfung. Keine famili\u00e4re N\u00e4he, hier geht es ums Gesch\u00e4ft und das f\u00e4llt mir nicht schwer, denn es geht immer ums Gesch\u00e4ft. Wie es sich geh\u00f6rt, begr\u00fc\u00dfe ich auch alle anderen im Raum. Charles, unseren Chefsekret\u00e4r, Andrew, unseren Produktionsleiter und Sharon, unsere Betriebsanw\u00e4ltin. Sie sieht gut aus. Erholt und frisch. Der Urlaub scheint ihr gut getan zu haben und der Sex mit meinem Dad, aber das geh\u00f6rt nicht hier her. Jared, meinem Bruder, schenke ich ein neckisches Zwinkern, das er mit einem Gr\u00fcbchenl\u00e4cheln erwidert. Er sieht beinahe erwachsen aus, in seinem dunklen Armani-Anzug und dem elfenbeinfarbenen Hemde. \u201eWir haben das Wichtigste bereits besprochen\u201c, richtet sich mein Vater wieder an mich. \u201eSharon hat die Vertr\u00e4ge noch einmal durchgearbeitet und bereits in die jeweiligen Mappen verteilt.\u201c \u201eSehr gut\u201c, sage ich ruhig. Ich bin nicht nerv\u00f6s. Unser Angebot ist gut, unser Vertrag wasserdicht und die Fusion mit der Frazerschen Reederei im Grunde in trockenen T\u00fcchern. Carter Frazer ist ein t\u00fcchtiger Gesch\u00e4ftsmann. \u201eWie genau sieht der Tagesplan morgen aus?\u201c, forsche ich weiter. \u201eMr. Frazer und sein Sohn treffen morgen gegen 10 Uhr ein. Charles hat einen Catering Service beauftragt, der \u00fcbliche Smalltalk zwischen ein paar H\u00e4ppchen\u201c, erkl\u00e4rt mein Vater, seine Augen sind ruhig und irgendwie verschleiert. \u201eUm 10:30 Uhr beginnen wir mit der Pr\u00e4sentation und der Vertragsvorstellung. Jared ist gut vorbereitet-\u201c \u201eJared?\u201c, h\u00f6re ich mich irritiert fragen. Kaum merklich zuckt das linke Auge meines Vaters. \u201eJa\u201c, beginnt er nun mit bedachter Stimme, als redet er mit einer F\u00fcnfj\u00e4hrigen, der er beibringen will, dass sie noch zu klein ist, um bis Mitternacht aufzubleiben. \u201eWir haben eine kleine Plan\u00e4nderung angedacht. Sieh mal, du hast schon so viel f\u00fcr dieses Projekt getan und wir wollten dir diesen l\u00e4stigen Part abnehmen.\u201c Ruhig bleiben, Rebecca, denke ich. Haltung bewahren. \u201eDen l\u00e4stigen Part?\u201c Ich sp\u00fcre ein Ungeheuer in meinem Magen heranwachsen. \u201eDas ist nicht dein Ernst. Ich habe dieses Projekt an Land gezogen. Ich habe das Konzept ausgearbeitet und jetzt soll ich den wichtigsten Teil nicht machen d\u00fcrfen?\u201c \u201eRebecca!\u201c, herrscht mein Vater mich an. Da, sein Auge zuckt wieder, schneller. Er wird sauer. \u201eSei nicht kindisch. Dein Bruder-\u201c \u201eHat gar nichts damit zu tun\u201c, unterbreche ich ihn. \u201eEntschuldige, Jared.\u201c Er l\u00e4chelt nur gequ\u00e4lt. Eine kalte Hand legt sich auf meinen Arm und jagt mir einen eisigen Schauer \u00fcber den R\u00fccken, der sogleich von hei\u00dfen Wellen vernichtet wird. \u201eDad\u201c, spreche ich ruhig, ignoriere die anderen um mich herum. \u201eDas kannst du nicht machen. Ich habe alles f\u00fcr diesen Deal gemacht, du kannst\u2026\u201c Ich stocke. Verdammt! Ich wollte Fassung bewahren, doch ich sp\u00fcre es verr\u00e4terisch in meiner Nase kribbeln und die Feuchtigkeit in meinen Augen. \u201eBecky\u201c, s\u00e4uselt mein Vater und zu der aufsteigenden Wut gesellt sich \u00dcbelkeit. Wie kann er es wagen, diesen Namen zu benutzen? \u201eSieh doch, das ist die Chance f\u00fcr deinen Bruder. So kann er sich endlich beweisen. Hm?\u201c Ich w\u00fcrde mich jetzt gern \u00fcbergeben, aber das tue ich nicht. Stattdessen rei\u00dfe ich mich von der toten Hand meines Vaters los und sehe ihm direkt in die Augen. \u201eNat\u00fcrlich\u201c, erwidere ich gefasst. \u201eSeine Chance.\u201c Ich spucke ihm die Worte entgegen, hoffe, dass sie ihn direkt ins Gesicht treffen und mache auf dem Absatz kehrt, um diesem erdr\u00fcckenden Raum zu entkommen. Die \u00dcbelkeit hat sich leise verkrochen, w\u00e4hrend ich in der brennenden Hitze die Stra\u00dfe hinunterlaufe. Stattdessen haben sich Hass und Wut bei mir eingehakt und begleiten mich auf meinen Weg in die erstbeste Bar. Es sind gef\u00fchlte 50 Grad, die untergehende Sonne leuchtet feuerrot und ich habe meine Sonnenbrille vergessen. Eigentlich hatte ich den Wagen nehmen wollen, doch das Laufen macht mich frei. Im Wagen w\u00e4re ich wohl geplatzt. Ich habe keine Ahnung, wo genau ich gerade lang gehe und es ist bereits fr\u00fcher Abend, aber ich muss weiter. Die Dem\u00fctigung treibt mich voran, weg von meinem Vater und dieser Farce. Es ist seine Chance, echot es in meinem Kopf. Ich liebe meinen kleinen Bruder, aber vom Gesch\u00e4ft hat er keine Ahnung. Er wei\u00df das und Dad auch. Ich habe mich stattdessen f\u00fcr die Reederei interessiert, einen glatten 1,0 Abschluss an der Wirtschaftsschule hingelegt und meinen Vater unterst\u00fctzt, wo ich nur konnte. Die Fusion mit den Frazers verdankt er allein mir. Ich brauche einen Scotch. Oder einen Whisky. Irgendwas Starkes, das in der Kehle brennt und die Gef\u00fchle in meinem Magen ertr\u00e4nkt. Ich habe schon lange nicht mehr getrunken. &nbsp; Als ich links abbiege, l\u00e4chelt mich das buntleuchtende Schild eines Clubs an. Absynthe Minded. Die Leuchtreklame blinkt. Der Eingang liegt am Ende einer Treppe, die nach unten f\u00fchrt. Es scheint viel los zu sein. Ein paar Menschen stehen oben und rauchen. Also beschlie\u00dfe ich, hineinzugehen. Die W\u00e4rme nimmt zu, als ich durch die Glast\u00fcr des Clubs gehe. W\u00fcrzige Rauchschwaden, blauer Dunst und Musik sowie laute Stimmen und viele Menschen nehmen mich in Empfang. Ich hatte Recht. Es ist bereits einiges los und alle wirken viel zu fr\u00f6hlich, um mir und meiner Abscheu die richtige Gesellschaft zu bieten. Aber mir gef\u00e4llt das Ambiente. Dunkles Holz mit viel Glas. Und das Wichtigste: Keine verspiegelte Theke. Vielleicht ist es doch nicht so \u00fcbel. Die Hitze legt sich in einem Schwei\u00dffilm \u00fcber meine Haut und einzelne Haarstr\u00e4hnen aus meinem Zopf kleben in meinem Nacken. Ich werde eine S\u00fcnde begehen und Whisky mit Eis bestellen. Vielleicht auch noch ein paar Eisw\u00fcrfel extra. Mit einem Seufzen lasse ich mich auf den Barhocker nieder und betrachtete die beiden M\u00e4nner hinter der Theke. Gesch\u00e4ftig aber l\u00e4chelnd bedienen sie die G\u00e4ste, mixen Cocktails oder sp\u00fclen Gl\u00e4ser. Auch sie wirken so ekelhaft ausgeglichen, dass sich die \u00dcbelkeit direkt wieder an meine Seite begibt und einen Arm um mich legt. Lang nicht gesehen, sagt sie und grinst. \u201eHallo\u201c, richtet ein junger, blonder Barkeeper das Wort an mich. \u201eWas darf\u2019s f\u00fcr dich sein?\u201c \u201eEinen Ballantine\u201c, sage ich und ringe mir ein L\u00e4cheln ab, das in meinen Wangenknochen schmerzt. \u201eMit Eis, bitte.\u201c \u201eDas ist eine S\u00fcnde\u201c, erklingt eine dunkle Stimme neben mir, begleitet von starken Armen und einem schwarzen Tablett. \u201eZwei Martini und einen Cosmo, Henry.\u201c Ich blicke in zwei stahlblaue Augen und einen dunklen Lockenschopf. Wei\u00dfe Z\u00e4hne blitzen mir neckisch entgegen und im ersten Moment wei\u00df ich nicht, ob ich sein L\u00e4cheln erwidern oder ihm das Tablett aus der Hand schlagen soll. \u201eUnd das, wo du wie ein Engel aussiehst\u201c, f\u00fcgt der Kellner hinzu. Tablett aus der Hand schlagen \u2013 definitiv. Aber ich beherrsche mich, denn Ignoranz wird diesen Kerl viel mehr st\u00f6ren, als ein Wutausbruch. Also drehe ich mich weg und nehme mein Getr\u00e4nk in Empfang. Gierig lege ich beide H\u00e4nde um das eiskalte Glas. Kurz schlie\u00dfe ich die Augen und genie\u00dfe die K\u00fchle. Doch lange h\u00e4lt dieser ruhige Moment nicht an, weil ich sp\u00fcre, dass ich immer noch angestarrt werde. Zwei Augen, die sich wie Pfeile in meinen Kopf bohren. \u201eWas?\u201c, zische ich und funkele den Kellner an. \u201eNichts\u201c, sagt er am\u00fcsiert, \u201eich frage mich nur, ob du ihn auch trinkst.\u201c Er nickt auf den Whisky in meinen H\u00e4nden. \u201eSonst h\u00e4tte ich ihn ja nicht bestellt, oder?\u201c \u201eSiehst nicht aus, wie eine, die so hartes Zeug vertr\u00e4gt.\u201c Kurz bin ich versucht, das Glas in einem Zug zu leeren, besinne mich jedoch schnell eines Besseren. Hat es sich die Welt heute zur Aufgabe gemacht, mich zu nerven? Mir den Tag zu versauen? \u201eWie gut, dass mich deine Meinung nicht interessiert\u201c, erwidere ich kalt und nippe an meinem Whisky. Das augenblickliche W\u00fcrgen unterdr\u00fccke ich schwer. Der bittere Geschmack scheint nur z\u00e4hfl\u00fcssig meine Kehle hinab zu gleiten und hinterl\u00e4sst eine brennende Spur. \u201eNa, da hat aber jemand grandiose Laune\u201c, entgegnet mein penetrantes Gegen\u00fcber belustigt. \u201eIch bin Aaron\u201c, stellt er sich kurz vor. \u201eIch bin Satan\u201c, sage ich genervt und drehe ihm nun den R\u00fccken zu. Ich presse mir das Glas an den Hals und genie\u00dfe den Moment lindernder K\u00e4lte. \u201eAch, deshalb die S\u00fcnde\u201c, wispert es an mein Ohr. \u201eWenn dir so hei\u00df ist, solltest du dich vielleicht ein wenig entkleiden.\u201c Sein Atem ist hei\u00df und k\u00fchl zugleich. Meine Nackenhaare stellen sich auf und gefangen in dem Moment, reagiere ich nicht schnell genug. Als ich mich umdrehe, um ihm etwas entgegenzusetzen, ist er weg. Untergetaucht in der tanzenden Menge, versteckt im bunten Licht. Ich weigere mich meinen Blazer auszuziehen. Au\u00dferdem bekomme ich keinen weiteren Schluck meines Whiskys herunter. Ich schwitze und meine Laune liegt nun in der N\u00e4he des Gefrierpunktes. Mein Blick schweift immer wieder durch den Club und sobald ich Aarons dunklen Schopf erblicke, grummele ich eine Beschimpfung und wende mich ab. Das ist kindisch und albern. Aber ich \u00e4rgere mich nun doch, dass die Theke nicht verspiegelt ist. Es w\u00fcrde mir viel leichter fallen, ihn zu beobachten, wenn ich mich dabei nicht so outen m\u00fcsste. Ich werfe einen Blick in mein Glas. Das Eis hat sich aufgel\u00f6st und die rotbraune Fl\u00fcssigkeit um ein paar Nuancen aufgehellt. Eigentlich hasse ich Whisky. Ich hasse Alkohol generell. Er schmeckt nicht und am n\u00e4chsten Tag sind die Probleme nicht ertrunken, sondern haben schwimmen gelernt. Noch viel mehr hasse ich, dass mein Vater mich hierhergetrieben hat. Sofort ist das Ungeheuer in meinem Magen wieder da und trommelt rebellierend. Wie konnte er mich so hintergehen? Wie konnte er mich ins offene Messer laufen lassen? Wieso \u00fcberrascht es mich immer noch so sehr? Jetzt ist es genug. Ich ziehe den Blazer doch aus und werfe ihn \u00fcber den Hocker neben mir. Dann schiebe ich das widerliche Ges\u00f6ff weg und bestelle mir stattdessen einen Lemon Squash, da ist auch viel mehr Eis drin. \u201eBraves M\u00e4dchen\u201c, erklingt es s\u00e4uselnd hinter mir. Ich h\u00e4tte es wissen m\u00fcssen. Selbstzufrieden nimmt Aaron neben mir Platz und sieht mich an. \u201eWird es dir nicht langweilig, st\u00e4ndig abzublitzen?\u201c, frage ich versucht gleichg\u00fcltig. \u201eIch liebe die Herausforderung\u201c, erwidert er sicher und st\u00fctzt sein Kinn auf seine Hand. \u201eWas macht eine Frau wie du in einem Club wie diesem hier?\u201c Ich kann ein emp\u00f6rtes H\u00fcsteln nicht verhindern. \u201eEine Frau wie ich?\u201c \u201eJa\u201c, nickt er. \u201eH\u00fcbsch, im Business-Dress, allein. Da ist ein Fehler im Bild.\u201c \u201eOh bitte\u201c, sage ich. \u201eSpar\u2019 s dir. Mein Vater war kein Dieb, wir haben uns noch nicht vorher irgendwo gesehen und nein, du bekommst meine Nummer auch nicht.\u201c \u201eAutsch\u201c, zieht Aaron eine Leidensmiene. \u201eDas hat weh getan.\u201c Ich nehme einen Schluck aus meinem Getr\u00e4nk und zeige mich unbeeindruckt. Stattdessen presse ich erneut das Glas an meine Wange. \u201eGut, Satan\u201c, l\u00e4chelt Aaron und um seinen Mund bilden sich zwei verf\u00fchrerischen Gr\u00fcbchen. \u201eKein Dieb, wir kennen uns nicht und auch keine Nummer.\u201c Er stockt, mimt den Denker und reibt sich \u00fcbers Kinn. \u201eWie w\u00e4re es dann mit einem Tanz?\u201c Ich verschlucke mich und muss aufpassen, nichts auszuspucken. Ist das Mut oder Dummheit? Versucht beil\u00e4ufig mustere ich Aaron. Er ist gro\u00df und muskul\u00f6s gebaut. Er tr\u00e4gt ein graues Hemd, das bis zu den Ellbogen hochgeschoben ist und eine offene, schwarze Weste dar\u00fcber. Er sieht gut aus, verwegen, anziehend. Aber so einfach mache ich es ihm nicht. \u201eNein danke\u201c, sage ich und nippe erneut an meinem Lemon Squash. \u201eHast du einen Freund?\u201c, fragt er. Royce, denke ich. Aber er ist nicht mein Freund. 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