{"id":119,"date":"2020-03-21T22:34:31","date_gmt":"2020-03-21T22:34:31","guid":{"rendered":"http:\/\/story-board.de\/?p=119"},"modified":"2020-03-21T23:18:36","modified_gmt":"2020-03-21T23:18:36","slug":"heimsuchung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/story-board.de\/?p=119","title":{"rendered":"Heimsuchung"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-132 aligncenter\" src=\"http:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Heimsuchung-300x188.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"188\" srcset=\"https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Heimsuchung-300x188.jpg 300w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Heimsuchung-1024x642.jpg 1024w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Heimsuchung-768x482.jpg 768w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Heimsuchung-1536x964.jpg 1536w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Heimsuchung-1140x715.jpg 1140w, https:\/\/story-board.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Heimsuchung.jpg 1935w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Ich stand nun schon eine ganze Weile vor dieser T\u00fcr. Sie war aus Holz, alt und abgenutzt. Der Lack war an manchen Stellen bereits abgeplatzt. Eigentlich war es eine ziemlich kleine T\u00fcr, f\u00fcr all die Erinnerungen, die sie hinter sich verbargen.<\/p>\n<p>Ich holte tief Luft, inhalierte den Duft von Meersalz und umfasste den T\u00fcrknauf entschlossen. Ich war mir nicht sicher, ob das unangenehme Kribbeln in meinen Fingerspitzen von der K\u00e4lte des Griffs kam, oder daher, dass ich so lange nicht mehr hier gewesen war. Mit etwas Nachdruck \u00f6ffnete sich die T\u00fcr ger\u00e4uschvoll und gab den Blick frei auf das, was einst mein Zuhause gewesen war.<\/p>\n<p>Ich z\u00f6gerte einzutreten. Allein der Gedanke an den Geruch des Hauses \u2013 an <em>seinen<\/em> Geruch \u2013 lie\u00df mein Herz schneller schlagen. Es war so lange her und doch f\u00fchlte es sich wie gestern an, als ich bei Nacht und Nebel alles hinter mir gelassen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Eintreten empfing mich ein Aroma aus Tabak, Whisky und abgestandener Luft. Augenblicklich beschleunigte mein Puls noch mehr und meine H\u00e4nde wurden feucht. Mein Blick wanderte unruhig den Gang entlang und fixierte jede T\u00fcr. Ich nahm auch die Treppe nach oben ins Visier, gleich so, als k\u00f6nnte <em>er<\/em> jeden Moment in mein Blickfeld stolpern. Aber das tat er nicht. Nie mehr. Trotzdem f\u00fchlte ich mich, wie ein in die Enge getriebenes Tier, das bei der kleinsten Regung zubei\u00dfen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Entschlossen gab ich der Haust\u00fcr einen kr\u00e4ftigen Tritt, sodass sie mit einem lauten Knall zuflog. Nachdem das Echo verebbt war, blieb nichts als erdr\u00fcckende Stille zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich verharrte einen Moment und sammelte meine Kr\u00e4fte, bevor ich mich weiter vor wagte.<\/p>\n<p>Dann lief ich langsam den Korridor ein paar Schritte entlang und blieb neben dem ovalen Spiegel mit dem aufwendig verzierten goldenen Rahmen stehen. Darunter die antike Anrichte aus dunklem Holz. Der Spiegel hatte noch immer den gro\u00dfen Riss in der Mitte. Wie ein Blitz in einer pechschwarzen Nacht.<\/p>\n<p>Erinnerungen flammten auf.<\/p>\n<p><em>Wie ich weinend vor genau diesem Spiegel stand, in einem blauen Kleid, die blonden Locken offen \u00fcber meine Schultern fallend. Ein lauter Knall, gefolgt von dem feinen Klang von Glassplittern, die auf Parkett rieseln. Am Anfang der Treppe mein Vater, seinen Arm noch in der Luft, nachdem er den Kerzenhalter nach mir geworfen hatte. Ausnahmsweise war ich froh gewesen, dass er an diesem Abend bereits getrunken und mich somit knapp verfehlt hatte.<\/em><\/p>\n<p>Sachte hob ich meine Hand, um den Sprung im Glas zu ber\u00fchren, und hielt kurz vorher inne. Stattdessen lie\u00df ich meine Finger auf die Anrichte sinken, wo sie einsame Spuren im Staub hinterlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Einen Schritt nach dem Anderen machend, arbeitete ich mich weiter ins Innere des Hauses vor. Vorbei an leeren W\u00e4nden, an denen nur noch verwaiste N\u00e4gel und helle Rechtecke an die Bilder erinnerten, die dort einst hingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die erste T\u00fcr zu meiner Linken f\u00fchrte ins Wohnzimmer. Ein Raum, der diesen Namen kaum verdiente. Noch im T\u00fcrrahmen stehend, lugte ich vorsichtig hinein und konnte die Pr\u00e4senz meines Vaters deutlich sp\u00fcren. Als w\u00e4re er noch immer hier.<\/p>\n<p>Das Wohnzimmer bestach durch die gro\u00dfen Fenster an den Seiten und den Kamin, dessen Marmor einst schneewei\u00df gewesen war. In meiner Erinnerung hing dar\u00fcber ein gro\u00dfes Gem\u00e4lde, dessen Motiv mir nicht einfallen wollte. Eine Landschaft vielleicht? Auch dieses war fort. Links in der Ecke stand der Sessel, in dem mein Vater immer Ferngesehen hatte. Was von ihm \u00fcbrig war, glich einem Wrack. Teile des Bezugs waren abgerissen, das Innenfutter quoll aus den Armlehnen und der Sitzfl\u00e4che heraus und er hatte Flecken, von denen nur Gott selbst wusste, was sie waren. Wie ich dieses verdammte St\u00fcck hasste!<\/p>\n<p>Meine H\u00e4nde ballten sich zu F\u00e4usten und in Gedanken z\u00fcndete ich das verkommene Ding an, brannte gleich das ganze Haus mit nieder und sah genugtuend dabei zu, bis nichts mehr davon \u00fcbrig blieb als tote Asche.<\/p>\n<p>Der Geruch von Bier, Urin und altem Schwei\u00df entfaltete sich langsam in meiner Nase und schob mich unsanft zur\u00fcck in den Flur.<\/p>\n<p>Die Lider fest aufeinander gepresst und mit einer Hand \u00fcber meinem Mund, versuchte ich die aufkommenden Bilder meines Vaters zu unterdr\u00fccken<em>. <\/em>Wie er in dem Sessel gesessen hatte. Manchmal tagelang. Ohnm\u00e4chtig, eingen\u00e4sst und besudelt mit Erbrochenem. Ich konnte mich noch immer an das Gef\u00fchl erinnern, wenn ich ihn hatte aufwecken m\u00fcssen, gepaart mit der unb\u00e4ndigen Angst davor, was passieren w\u00fcrde, wenn er erwachte. Oder nicht erwachte.<\/p>\n<p>Unweigerlich \u00f6ffnete ich meine Augen wieder, lie\u00df meinen Blick die Treppe hinauf huschen und f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde dachte ich, dass ich dort hinauf gehen w\u00fcrde. Einen Fu\u00df hatte ich bereits auf die unterste Stufe gesetzt, meine Hand das Gel\u00e4nder fest umklammernd.<\/p>\n<p>Doch dann besann ich mich eines besseren und wendete mich abrupt ab. Mit entschiedenen Schritten lief ich zur\u00fcck auf die Haust\u00fcr zu, rannte f\u00f6rmlich. Ohne zu z\u00f6gern riss ich sie auf und st\u00fcrzte hinaus. Das salzige Bukett der See empfing mich wie eine sanfte Umarmung und ich erlaubte es mir, sie einen Moment lang zu erwidern, die dunklen Erinnerungen abzusch\u00fctteln und hier zu lassen, wo sie hingeh\u00f6rten.<\/p>\n<p>\u201eRei\u00dfen Sie es ab!\u201c, rief ich dem gro\u00dfen, bulligen Mann mit dem gelben Helm zu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stand nun schon eine ganze Weile vor dieser T\u00fcr. Sie war aus Holz, alt und abgenutzt. Der Lack war an manchen Stellen bereits abgeplatzt. Eigentlich war es eine ziemlich kleine T\u00fcr, f\u00fcr all die Erinnerungen, die sie hinter sich verbargen. Ich holte tief Luft, inhalierte den Duft von Meersalz und umfasste den T\u00fcrknauf entschlossen. Ich war mir nicht sicher, ob das unangenehme Kribbeln in meinen Fingerspitzen von der K\u00e4lte des Griffs kam, oder daher, dass ich so lange nicht mehr hier gewesen war. 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Entschlossen gab ich der Haust\u00fcr einen kr\u00e4ftigen Tritt, sodass sie mit einem lauten Knall zuflog. Nachdem das Echo verebbt war, blieb nichts als erdr\u00fcckende Stille zur\u00fcck. Ich verharrte einen Moment und sammelte meine Kr\u00e4fte, bevor ich mich weiter vor wagte. Dann lief ich langsam den Korridor ein paar Schritte entlang und blieb neben dem ovalen Spiegel mit dem aufwendig verzierten goldenen Rahmen stehen. Darunter die antike Anrichte aus dunklem Holz. Der Spiegel hatte noch immer den gro\u00dfen Riss in der Mitte. Wie ein Blitz in einer pechschwarzen Nacht. Erinnerungen flammten auf. Wie ich weinend vor genau diesem Spiegel stand, in einem blauen Kleid, die blonden Locken offen \u00fcber meine Schultern fallend. Ein lauter Knall, gefolgt von dem feinen Klang von Glassplittern, die auf Parkett rieseln. Am Anfang der Treppe mein Vater, seinen Arm noch in der Luft, nachdem er den Kerzenhalter nach mir geworfen hatte. Ausnahmsweise war ich froh gewesen, dass er an diesem Abend bereits getrunken und mich somit knapp verfehlt hatte. Sachte hob ich meine Hand, um den Sprung im Glas zu ber\u00fchren, und hielt kurz vorher inne. Stattdessen lie\u00df ich meine Finger auf die Anrichte sinken, wo sie einsame Spuren im Staub hinterlie\u00dfen. Einen Schritt nach dem Anderen machend, arbeitete ich mich weiter ins Innere des Hauses vor. Vorbei an leeren W\u00e4nden, an denen nur noch verwaiste N\u00e4gel und helle Rechtecke an die Bilder erinnerten, die dort einst hingen. &nbsp; Die erste T\u00fcr zu meiner Linken f\u00fchrte ins Wohnzimmer. Ein Raum, der diesen Namen kaum verdiente. Noch im T\u00fcrrahmen stehend, lugte ich vorsichtig hinein und konnte die Pr\u00e4senz meines Vaters deutlich sp\u00fcren. Als w\u00e4re er noch immer hier. Das Wohnzimmer bestach durch die gro\u00dfen Fenster an den Seiten und den Kamin, dessen Marmor einst schneewei\u00df gewesen war. In meiner Erinnerung hing dar\u00fcber ein gro\u00dfes Gem\u00e4lde, dessen Motiv mir nicht einfallen wollte. Eine Landschaft vielleicht? Auch dieses war fort. Links in der Ecke stand der Sessel, in dem mein Vater immer Ferngesehen hatte. Was von ihm \u00fcbrig war, glich einem Wrack. Teile des Bezugs waren abgerissen, das Innenfutter quoll aus den Armlehnen und der Sitzfl\u00e4che heraus und er hatte Flecken, von denen nur Gott selbst wusste, was sie waren. Wie ich dieses verdammte St\u00fcck hasste! Meine H\u00e4nde ballten sich zu F\u00e4usten und in Gedanken z\u00fcndete ich das verkommene Ding an, brannte gleich das ganze Haus mit nieder und sah genugtuend dabei zu, bis nichts mehr davon \u00fcbrig blieb als tote Asche. Der Geruch von Bier, Urin und altem Schwei\u00df entfaltete sich langsam in meiner Nase und schob mich unsanft zur\u00fcck in den Flur. Die Lider fest aufeinander gepresst und mit einer Hand \u00fcber meinem Mund, versuchte ich die aufkommenden Bilder meines Vaters zu unterdr\u00fccken. Wie er in dem Sessel gesessen hatte. Manchmal tagelang. Ohnm\u00e4chtig, eingen\u00e4sst und besudelt mit Erbrochenem. Ich konnte mich noch immer an das Gef\u00fchl erinnern, wenn ich ihn hatte aufwecken m\u00fcssen, gepaart mit der unb\u00e4ndigen Angst davor, was passieren w\u00fcrde, wenn er erwachte. Oder nicht erwachte. Unweigerlich \u00f6ffnete ich meine Augen wieder, lie\u00df meinen Blick die Treppe hinauf huschen und f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde dachte ich, dass ich dort hinauf gehen w\u00fcrde. Einen Fu\u00df hatte ich bereits auf die unterste Stufe gesetzt, meine Hand das Gel\u00e4nder fest umklammernd. Doch dann besann ich mich eines besseren und wendete mich abrupt ab. Mit entschiedenen Schritten lief ich zur\u00fcck auf die Haust\u00fcr zu, rannte f\u00f6rmlich. 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Das salzige Bukett der See empfing mich wie eine sanfte Umarmung und ich erlaubte es mir, sie einen Moment lang zu erwidern, die dunklen Erinnerungen abzusch\u00fctteln und hier zu lassen, wo sie hingeh\u00f6rten. \u201eRei\u00dfen Sie es ab!\u201c, rief ich dem gro\u00dfen, bulligen Mann mit dem gelben Helm zu.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/story-board.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/119"}],"collection":[{"href":"https:\/\/story-board.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/story-board.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/story-board.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/story-board.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=119"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/story-board.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/119\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":134,"href":"https:\/\/story-board.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/119\/revisions\/134"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/story-board.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=119"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/story-board.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=119"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/story-board.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=119"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}